Sonntag, 29. Oktober 2017

Vernunft und Glaube gemeinsam als Chance für eine friedfertige Begegnung der Religionen

Werner Zager (Hg.): Glaube und Vernunft
in den Weltreligionen.
              Leipzig: EVA 2017, 233 S., Personenregister
Der bereits 1948 gegründete Bund für Freies Christentum bemüht sich seit langem aus einer offenen protestantischen Perspektive heraus, den interreligiösen Dialog zu fördern.
Der Präsident des Bundes, Werner Zager,
apl. Professor für Neues Testament an der Universität Frankfurt/M. und Leiter der
Ev. Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau, stellt nunmehr den vorliegenden Band als weiteren Baustein für ein besseres Verständnis zwischen den Religionen vor. Die vorliegenden Texte sind (offensichtlich schriftlich erweiterte) Vorträge, die bei der Jahrestagung des Bundes im Jahre 2016 gehalten wurden.

Die Zielrichtung gibt Zager bereits im Vorwort an:  
"Obwohl in den meisten Religionen Frieden als anzustrebendes Ziel gilt, wurden Religionen immer wieder zur Legitimation von Gewalt genutzt. Seit den Ereignissen des 11. September 2001 ist die westliche und östliche Welt erneut konfrontiert mit der Gewalt im Namen der Religion.
Insofern ein fundamentalistisches Religionsverständnis den Nährboden für Krieg und Terror bildet, kommt es darauf an, die liberalen Kräfte und Strömungen in den Weltreligionen zu stärken, um ein friedliches Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Kulturen und Religionen zu fördern. Für das eigene religiöse Selbstverständnis ist daher von zentraler Bedeutung, wie Glaube und Vernunft so aufeinander bezogen werden können, dass es möglich ist, sowohl in der eigenen Religion beheimatet zu sein als auch die pluralistische Gesellschaft zu bejahen."

Werner Zagers einleitender Beitrag "Durch die Vernunft aufgeklärter Glaube" geht nach einem kurzen Blick zur Geschichte der Begriffe  "Vernunft" und "Glaube" auf die ständige  Gefährdung der Vernunft ein, wie sie besonders Luther beschrieben hat: "Hure des Teufels". Von dorther beschreibt er das "vernünftige Christentum" Lessings sowie die Einbindung der Religionen innerhalb der Grenzen der praktischen Vernunft. Dass der Autor im Sinne einer liberalen Position im Christentum natürlich Friedrich Schleiermacher zu Wort kommen lässt, ist gewissermaßen Konsequenz vernünftiger Reflexion im Horizont der Frömmigkeit. Das lässt sich dann problemlos über Albert Schweitzer bis zu Rudolf Bultmann und Wolfhart Pannenberg weiterführen. Im Ergebnis plädiert Zager für eine "partnerschaftliche" Korrelation, die auch einen kritischen Dialog erlaubt (S. 33).

Andreas Rössler
, Pfarrer in Stuttgart, untersucht die christlichen Glaubensquellen von Bibel und Tradition und spiegelt sie an Glaubenserfahrungen. Dazu bezieht er biblische Texte ein, die ebenfalls von Vernunft sprechen, um von dort einen Blick in die Theologie- und Philosophiegeschichte zu werfen. Als christliche Glaubensnorm bleibt "Was Christum treibet" im Sinne Luthers. Bei der Wahrheitsfrage darf allerdings die kritische Vernunft nicht ausgeblendet werden. Das gilt auch in einem universalistischen Horizont unter gegenwärtigen Voraussetzungen.


Hans-Georg Wittig, Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, nimmt gewissermaßen einen zweiten Anlauf, um die Relationen von Verstand, Vernunft, Religion und Glaube zu klären. Wenn Religion mit "Vernunft vereinbar sein will", muss sie vier Kriterien erfüllen: 

1. Einsicht in einen unergündlichen Urgrund allen Seins. 
2. Eine Moral, die vernünftig einsehbar ist. 
3. Sollen muss sich mit Können verbinden, nur so gibt es erfülltes Leben. 
4. Ein Glaube, der über unsere Erscheinungswelt hinausgeht
    und von der Kraft der Liebe geprägt ist.


Michael Großmann, Theologe und Lehrer in Achern, diskutiert an der Position des Anselm von Canterbury dessen ontologische Argumente zum "Beweis" der Existenz Gottes als umfassenden Horizont des Seins. So lässt sich durchaus eine Tendenz hin zu einer vernunftgeleiteten Religion herausarbeiten. Anselms Methodik und Konstruktion besteht allerdings (nur) in der Widerlegung gegenteiliger Behauptungen, die sehr deutlich schon durch Kant in Frage gestellt wurden. Der Autor geht darum den Weg vom "Be-greifen" zum "Ergriffensein" (S. 97), denn rationale Argumente, um den Grund des Erkennens zu finden, bleiben letztlich begrenzt.


Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Stiftungsprofessur an der Universität Frankfurt/M. diskutiert den Zusammenhang von Vernunftreligion und Mystik bei Leo Baeck (1873-1956) unter den Stichworten Geheimnis und Gebot. Er verweist dazu  auf die veränderte und die erweiteterte Ausgabe von dessen Buch "Das Wesen des Judentums". Dort sind alle Passagen der Unvereinbarkeit von Judentum und Mystik gestrichen
(vgl. S. 123). So findet auch keine "sittlich-rationale Domestizierung der jüdischen Mystik" statt (S. 130). In gewisser Weise lässt sich hier eine Nähe zu Abraham J. Heschel (1907-1972) ahnen.


Neben dem Blick auf das Judentum tritt nun eine liberale islamische Position, verdeutlicht durch Rabeya Müller vom Zentrum für Islamische Frauenforschung in Köln und Imamin im Liberal-Islamischen Bund. Sie baut auf eine Koran-Hermeneutik, die von Gerechtigkeit (gerade auch in der Genderproblematik) und Barmherzigkeit im Sinne eines "Fortdenkens im Guten" (S. 134) geprägt ist. Von daher ist Autoritätshörigkeit undenkbar, auch wenn die "idschma", also die Konsens-Fähigkeit und zuweilen die Konsens-Nötigung der Gelehrten nicht unterschätzt werden sollte. Aber: "Glaube und Freiheit stehen in unmittelbarer Beziehung zueinander. Wenn jemand etwas in Freiheit annimmt, dann wird es Teil der eigenen Überzeugung. Wenn dagegen jemand etwas annimmt, nur weil es Tradition ist, dann kann es nicht genuiner Glaube werden ..." (S. 143).


Auch Kurt Bangert, Schriftleiter der Zeitschrift "Freies Christentum", versucht sich auf eine islamische Perspektive einzustellen. Ihm geht es dabei nicht nur um Glaube, sondern um Glaubenspraxis. Beginnend mit dem Brauchtum arabischer Stämme zeigt sich die daraus entwickelte Sunna (Tradition) des Propheten Mohammed als Impulsgeberin einer sich weiter ausdifferenzierenden Rechtsprechung bis hin zur Formung der vier wichtigsten (sunnitischen) Rechtsschulen. Der Autor geht der Problematik der Rechtsauffassungen als von der Offenbarung geleitet nach, um dann neben die verstärkte Hadith-Kritik islamischer und christlicher Gelehrter die Heraushebung des Vernunftprinzips in der Rechtsfindung vertiefend anzusprechen. Sogar konservative "Schulen" wie die Shafi'iten betonen eine Vernunftorientierung. Das allerdings ändert nichts an der Kritik Bangerts, der den "Koran als absolut verbindliches Offenbarungsbuch und Richtschnur für Recht und Glaubenspraxis" sieht (S. 177). Für den relativ strengen traditionellen Islam mag er Recht haben, allerdings blendet er dadurch frühe theologische Strömungen sowie mystische und  mutazilitische Richtungen faktisch aus.

Der thüringische Pfarrer Wolfgang Pfüller lenkt den Blick auf die Baha'i-Religion und deren mehr liberale Richtung: Wissenschahft und Religion sollen in Einklang stehen. Streitpunkte sind allerdings u.a. die menschliche Evolution und das Leib-Seele-Problem, das von Abdul Baha, dem ältesten Sohn von Bahá'u'lláh traditionalistisch angegegangen wird (S. 184). Angesichts der Begrenztheit der Vernunft und Unfehlbarkeitsansprüchen im Baha'itum lassen sich die Probleme wegen der Normativität bestimmter Texte schwer lösen. Nur wenn hier Kritik bei der Gründergeneration ansetzen darf, könnten tatsächlich liberale Veränderungen eintreten.


Einen völlig anderen Ansatz zur Gesamtthematik bietet Arnulf von Scheliha, Ethiker in der Ev.-theol. Fakultät der Universität Münster. Er geht der liberalen religiösen Religionskultur in Deutschland nach, wie sie sich im protestantischen Bereich besonders nach dem Wiener Kongress 1815 auffächert. Allerdings setzt sich im kirchlichen Mainstream diejenige Richtung durch, die politische Herrschaft als quasi göttlich legitimiert ansieht. Aber die immer wieder geforderte Trennung von Kirche und Staat hat neben der laicité in Frankreich und dem US-amerikanischen Modell  auch in  Deutschland durch die Weimarer Verfassung grundlegende Veränderungen angebahnt. Diese haben sich allerdings nach dem 2. Weltkrieg im Grundgesetz nur teilweise niedergeschlagen. So bleibt entsprechendes Konfliktpotential wie der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an Schulen. Aber auch die Beschneidung bei Juden und Muslimen löst immer wieder gesellschaftlichen Streit aus. Nun sollen Religionen jedoch integrationsfördernd sein, was derzeit besonders im Blick auf den Islam recht unterschiedlich gesehen wird.  "Der Eigensinn der Religionen geht in der Vernunft des Rechts nicht auf"
(S. 221).


Den Abschluss des Bandes bietet die bei der Tagung gehaltene Predigt von  Ingo J. Zöllich, Troisdorf, über Psalm 117 als interreligiöse Ansage des gemeinsamen Gotteslobes.


Bilanz: Dieser Tagungsband rückt angesichts fundamentalistischer Verhärtungen in allen Religionen die erstaunliche Kraft von Vernunft und Aufklärungswille in den monotheistischen Religionen erneut in den Blick: Judentum, Christentum, Islam und Baha'i. Interreligiöser Dialog in der Spannung von Rationalität und Glaubenserfahrung gewinnt auf diese Weise aktualisierende Bedeutung in einer Welt, die zwischen Pluralismus und Fundamentalismus konfliktreich hin und her gerissen wird. 




Freitag, 20. Oktober 2017

Theologie der Befreiung - unaufgebbare Stimme für eine Reform der Kirche

Mit dem neuesten Band von interkulturell aus der Reihe der Salzburger Studien (STS) zeigt der Tyrolia-Verlag Innsbruck, wie wichtig es ist, die Theologie der Befreiung in ihrer kirchenpolitischen Entwicklung und (inter-) religiösen Bedeutung weiterhin im Gespräch zu halten und so auch gegenläufige Tendenzen abzuwehren.

Franz GMAINER-PRANZL/ Sandra LASSAK, Sandra /
Birgit WEILER, Birgit (Hg.):

Theologie der Befreiung heute. Herausforderungen – Transformationen – Impulse.
Salzburger Theologische Studien 57. interkulturell 18. 

Innsbruck-Wien: Tyrolia 2017, 577 S.
--- ISBN 978-3-7022-3577-2 ---


Der umfassende Band bildet eine Art Bestandsaufnahme und ist eine aktuelle Zwischenbilanz, die weitergehende Beachtung verdient.
Die kompetenten Autorinnen und Autoren beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Dadurch entsteht ein facettenreiches Bild der Befreiungstheologie als Herausforderung für Kirche und Religion heute.

In der Verlagsinformation heißt es dazu:

Die „Theologie der Befreiung“ wird gegenwärtig von den einen für tot erklärt, von anderen mit einer gewissen Nostalgie hochgehalten, von vielen jedoch kaum wahr- und ernstgenommen. Der große Aufbruch der Befreiungstheologie, der spätestens seit der Dritten Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellín zu einer neuen Problemwahrnehmung in der kirchlichen Pastoral und in der theologischen Reflexion, vor allem aber zu einer neuen, befreienden Praxis der Glaubensverkündigung geführt hatte, scheint heute vergessen. Die enormen gesellschaftlichen Umbrüche und globalen Transformationen ebenso wie kirchenpolitische Entwicklungen haben neue befreiungstheologische Praxen hervorgebracht, die bisher kaum in die theologische Reflexion eingeflossen sind. Außerdem entstanden Basisbewegungen, Initiativen und Aufbrüche jenseits traditioneller Kirchen- und Gemeindestrukturen, die das Potential befreiungstheologischen Denkens auf unterschiedliche Weise umsetzten und auch weiterentwickelten – innerhalb und außerhalb kirchlicher Kontexte. Dieses Buch, an dem AutorInnen aus Europa, Afrika und Lateinamerika mitwirkten, macht deutlich, inwiefern Anstöße der Befreiungstheologie in unterschiedlichste gesellschaftliche Bereiche hineinwirken und sich mit Fragen der Wirtschaft, der Politik, der Globalisierung und Urbanisierung, der Ökologie und der Situation der Frauen auf kritisch-kreative Weise auseinandersetzen.


Entscheidende Grundlagenbeiträge
hatte bereits der Band
Deslocamentos geliefert: 


Franz Gmainer-Pranzl / Eneida Jacobsen (Hg.):
Deslocamentos - Verschiebungen theologischer Erkenntnis. Ein ökumenisches und interkulturelles Projekt.

Salzburger Theologische Studien 54.
interkulturell 16.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2016, 526 S.
--- ISBN 978-3-7022-3496-6 ---
Ausführliche Rezension: hier

Aus der Verlagsinformation: 
Mit dem Begriff „deslocamentos“, der im Portugiesischen eine spannende Bedeutungsbreite aufweist (von Verschiebung, Veränderung und Dislozierung bis hin zu Fortbewegung und Ausrenken eines Gelenks), bezeichnet der brasilianische Theologe Carlos Gilberto Bock erkenntnistheologische Verschiebungen, die aus gesellschaftlichen Transformationen resultieren. Die Pluralisierung, Differenzierung und Dezentrierung gesellschaftlicher Bereiche führt auch zu einer veränderten Art und Weise theologischer Erkenntnis, wie sich das am Beispiel der Befreiungstheologie zeigt. Diese „Verschiebungen theologischer Erkenntnis“ ... gaben den Anstoß für ein ökumenisches und interkulturelles Forschungsprojekt ... der lutherischen EST (Escola Superior de Teologia) in São Leopoldo im Süden Brasiliens und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg ... Das Ergebnis dieser ökumenischen und interkulturellen Kooperation versteht sich als Ansatz für eine theologische Methodologie, die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen weltweit gerecht werden will. 
 
Die ebenfalls kürzlich erschienene, überarbeitete Habilitationsschrift von Stefan Silber
kann dazu als wesentlicher Grund-Baustein angesehen werden. Er erhielt für seine Arbeit auch den Erwin-Kräutler Preis der Katholischen Fakultät der Universität Osnabrück:
Stefan Silber: Pluraliät, Fragmente, Zeichen der Zeit. Aktuelle fundamentaltheologische Herausforderungen aus der Perspektive der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung.
Salzburger Theologische Studien 58. interkulturell 19.
Innsbruck-Wien: Tyrolia  2017, 303 S.


Verlagsinformation
Dieses Buch widmet sich im ersten Teil der Weiterentwicklung und Rezeption der Theologie der Befreiung in der Zeit zwischen 1990 und 2017. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei jeweils auf der Aktualität und sich fortschreibenden Gegenwartsbezogenheit sowie der wachsenden Pluralität dieser Theologie. Der zweite Teil blickt aus der Sicht und Tradition der Theologie der Befreiung auf die Frage der Religionen und ihrer Pluralität. Dieser Themenbereich wird in der Gegenwart immer brisanter und wurde vor allem im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts von zahlreichen Befreiungstheologen bearbeitet. Der dritte Teil stellt sich – ebenfalls aus der Perspektive der Befreiungstheologie – den pluralen Entwicklungen der lateinamerikanischen Großstädte. Beide Themenbereiche, Religionen und Großstädte, werden als Zeichen der Zeit behandelt und stellen somit Herausforderungen für die Theologie dar; in beiden Bereichen wird gezeigt, dass die Theologie der Befreiung durch die prinzipielle Ausrichtung an der Option für die Armen über die besten Voraussetzungen verfügt, um diese Herausforderungen zu beantworten.

In diesen Themenkreis gehören m.E. ebenfalls die früher erschienenen Titel der Salzburger Theologischen Studien:


Weitere Informationen - Focus Lateinamerika: hier



Donnerstag, 19. Oktober 2017

Faszination der Zisterzienser - eine nachwirkende Ausstellung

LVR-LandesMuseum Bonn (Hg.): Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster

Darmstadt: Theiss (WBG) 2017,
368 S., Abb., Glossar
--- ISBN: 978-3-8062-3492-3 ---
Hinweise zur Ausstellung
(bis 28.01.2018):

 Wie stark religiöse Reformen die kulturelle Landschaft verändern, zeigt in besonderer Weise diese Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Die Ordensgründungen der Zisterzienser haben nicht nur die Kirche zu Reformen genötigt, sondern haben sehr schnell von Frankreich aus geografische, gesellschaftliche und sprachliche Grenzen überschritten. Insofern ist dieser Orden ein wesentlicher Brückenpfeiler für das Verständnis eines gemeinsamen Europas.
Der zur Ausstellung erschienene ausführliche Begleitband arbeitet anhand von Texten, Bildmaterial und den informativ präsentierten Ausstellungsstücken diese europäische Impulsepoche ein Stück weit systematisierend auf. Besonders auffällig ist, dass sogar der konsequent gelebte Armutsgedanke der Zisterzienser nach und nach beeindruckende Werke der Kunst und Architektur ermöglichte. Es ist die Faszination der Einfachheit im kreativen Durchbruch.
I. Die Hauptteile des Buches

                  1. Essays zu den Hintergründen der Zisterzienserklostergründungen
            und ihrer Entwicklungsgeschichte
– Die Beiträge sind auf die
            Architektur, Skulptur und Malerei sowie auf die Liturgie und auf die
            Herstellung von Büchern und die wirtschaftlichen Aktivitäten bezogen
            (S. 16–131).
                  2. Ein Blick in die aktuelle Regionalforschung: Marienstatter Tafeln,
            Kloster Altenberg, Abteikirche Kamp, Gutshöfe (Grangien) des Klosters
            Hardehausen (S. 135–171).
      3. Der reich bebilderte und klar beschriebene Katalogteil bezieht sich auf  die Gründungsphase des Ordens, die Kirche als Ort der Anbetung, die Liturgie, die Klausur, das Aufblühen der Frauenklöster, die Konversen (Laienbrüder) zur Sicherung des Klosterunterhalts, verstärkt durch die außerhalb gelegenen Gutshöfe und Stadt-Dependancen. Die Wirtschaft wurde also zu einem wesentlichen Faktor des neuen Reformordens. Der Katalog bietet weiterhin wichtige Einblicke in das Skriptorium und damit die Bedeutung von Büchern für ein Kloster. Schließlich gibt es noch eine Reihe von Zeugnissen zur
„Basis-Persönlichkeit“ des Ordens: Bernhard von Clairvaux. 
Nicht nur weil 2017 das Jahr der Reformation ist, sondern auch weil die Bezüge Bernhard von Clairvaux – Martin Luther immer wieder auffallen, gibt es eine Art kirchenkritischen Epilog (S. 295–296). Das gilt im Blick auf Gefährdungen der Kirche, die ihre Ursprünge missachtet. Es geht also um notwendige Reformen der Kirche – ganz im Sinne Martin Luthers: Ecclesia semper reformanda.
Der Reformator schätzte nämlich Bernhard von Clairvaux außerordentlich – nicht nur wegen der Kraft seiner Spiritualität, sondern auch wegen dessen kirchenkritischen und kirchenreformerischen Ansätzen.
Es folgen im Katalog noch Dokumente, und kurze Porträts ausgewählter Abteien mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum (S. 300-329). Die zu diesen Klöstern gehörenden Dokumente und Objekte sind Teil der Ausstellung. Der Rezensent, der selbst mehrere Jahre (ev.) Pfarrer in Hildesheim Marienrode war, hätte es allerdings gern gesehen, dass auch dieses ehemalige Zisterzienserkloster im beeindruckenden Ausstellungsband erwähnt worden wäre (S. 174–299). Mehr zum Kloster Marienrode: hier
Glossar
(S. 332-334) und ein ausführliches Literaturverzeichnis (S. 335–367) schließen den Band ab.

II. Die thematischen Schwerpunkte der Beiträge
Gert Melville (Mediävist von der TU Dresden) zeigt mit seiner Analyse der Anfänge, warum die Zisterzienser so erfolgreich wurden. Etablierte Klöster und verfestigte hierarchische Kirchenstrukturen forderten angesichts großer gesellschaftlicher Umbrüche im 11./12. Jahrhundert Kirchenreformen heraus. Aus asketischen und eremitisch lebenden Gruppen erwuchsen Impulse, die man anfangs kaum erwartet hätte. Die erneute und zugleich auf die veränderte Situation bezogene Benediktsregel durch die Zisterzienser, ihre Einhaltung in strikter „Reinheit“ und Einfachheit sowie die das gemeinsame Leben fixierende Carta Caritatis verstärkten eine genossenschaftliche Willensbildung. Sie findet ihr Zentrum im Generalkapitel, das neue zukunftsfähige Strukturen ermöglichte. In den Anfangsjahren führte die Auseinandersetzung um den unsteten und umstrittenen Benediktinerabt Robert von Molesme (um 1028–1101) als Gründer von Cîteaux in eine kritische Situation. Klarheit brachte im Grunde erst der Eintritt Bernhards in den Orden, sein Auszug mit einigen Brüdern aus Cîteaux und die Gründung des Klosters Clairvaux. „Die Zisterzienser hatten es ausgezeichnet verstanden, Grundprinzipien der religiösen Avantgarde mit dem Traditionalismus der Benediktsregel zu verbinden, um damit zu einer eigenständigen und individuell verantworteten Spiritualität der Weltentsagung in klarer normativer Rahmung zu gelangen, die Willkürlichkeit ausschaltete“
(S. 34f).
Solche Klarheit kam auch in der Architektur und Raumkonzepten der Mönche für das Kloster zum Ausdruck: Einfachheit in Holz und Stein. Darauf macht der Kunsthistoriker Markus Thome (Universität Tübingen) aufmerksam, wenn er einerseits auf die beachtlichen Großbauten der Kirchen und die differenzierten Klosteranlagen und andererseits auf den Verzicht des Überflüssigen in der Innenarchitektur verweist (keine Skulpturen und Malereien, weder bunte Glasfenster noch sorgfältige Auslegung der Fußböden. Der Kunsthistoriker Jens Rüffer (Universität Bern) stellt den monastischen Alltag des (liturgischen) Betens und Arbeitens dar – auch die Debatten um Nahrung im Kontext des einfachen Lebens, wie es bis heute praktiziert wird. Hier lohnt ein Vorblick auf den Beitrag von Christian Hillen (Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln) über zisterziensisches Wirtschaften (S. 123–131), so dass man sogar von einem Wirtschaftswunder im Zusammenhang mit diesem Orden reden könnte. Unbestrittenes spirituelles Zentrum aber sind die liturgischen Gebete (Stundengebete) und die Gottesdienste. Sie erfordern besondere Berücksichtigung. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Schriftkunst, denn schließlich braucht man Chorbücher und liturgische Texte, so der britische Germanist Nigel F. Palmer (Universität Oxford). Harald Wolter von dem Knesebeck (Kunsthistoriker an der Universität Bonn) zeigt, wie sich verstärkt im Spätmittelalter ein Kunstverständnis entwickelte, das von den strengen Regeln des Anfangs um einiges abwich, wenn es um Altäre und Bilder, (skulpturelle) Ornamentik, Grabdenkmäler sowie Buntglasfenster ging. Trotzdem hielten die Zisterzienser hier weiterhin erhebliche Distanz zu den „liberaleren“ Benediktinern.
Angesichts der geradezu als Weltflucht wirkenden Existenz der Klöster fällt auf, dass das scheinbar gegensätzliche Verhältnis Kloster – Welt durch viele Verbindungen gegenseitiger Wahrnehmung und Kommunikation geprägt war. Darauf macht die britische Mittelalter-Forscherin Emilia Jamroziak (Universität Leeds) in ihrem Beitrag „Cistercensians and the world. Intercession, patrons and neihghbours“ aufmerksam.
Die Beiträge aus der aktuellen Forschung geben interessante Einblicke in die Marienstatter Tafeln als Schlüsselpunkt gotischer Klostermalerei, die Klausurarchitektur von Altenberg, die mittelalterliche Ausstattung der Abteikirche Kamp und die außerhalb liegenden Gutsbetriebe (Grangien) des Klosters Hardehausen.

III. Bilanz und Weiterführendes
Die Essays und die sorgfältig zusammengestellten Bildkommentare haben ausgewiesene Kenner des Mittelalters und besonders der europäischen Ordensgeschichte geschrieben. Sie wirken als Verstehens-Vertiefung der vielen, auch großformatigen Bilder in guter Druckqualität. Die Fotos  sind darum nicht bloße Illustrationen, sie machen in des Wortes originaler Bedeutung die Korrelation von Kunst, Architektur und Klostergestaltung im Horizont des mönchischen Lebens sichtbar. Die Leser/innen und Betrachter/innen der Bilder erfahren so eine Erweiterung des eigenen Verständnisses über eine Zeit erheblicher gesellschaftlicher Umbrüche, wirtschaftlicher Veränderungen und notwendiger kirchlicher Reformen. Interessierte und Fachleute werden auch nach dem Ausstellungsende gern auf diesen Band zurückgreifen, um sich bestimmte Aspekte und gesellschaftliche Folgewirkungen der Zisterziensergeschichte zu vergegenwärtigen.
Mehr zur Geschichte der Zisterzienser mit den Schwerpunkten:

Reinhard Kirste

Rz-Zisterzienser-Ausstellung, 31.07.2017

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Neue Sachbücher zu den Humanwissenschaften und zur Religion - Einblicke während der Frankfurter Buchmesse:

Am Messestand von
Editions Bayard
(mit Sciences Humaines)
Die Frankfurter Buchmesse als der Welt größte Bücherschau bietet in wenigen Tagen eine derartige Fülle von Literaturinformationen und Veranstaltungen, die sich faktisch nur zu einem Bruchteil wirklich wahrnehmen lassen.
Die Buchmese 2017 mit dem Gastland Frankreich bot nun die Möglichkeit, den Fokus etwas stärker zu konzentrieren. 
An dieser Stelle  sei nun ein sehr begrenzter Blick auf Sachbücher geworfen, noch weiter eingeschränkt auf  die Thematik der "Sciences humaines", also die Humanwissenschaften. Sie gehören zu den klassischen Geisteswissenschaften (mit vielen Bezügen auf die Geschichte). Und selbst im laizistischen geprägten Frankreich werden Religion und Religionen hier einbezogen. 
Im Überblick:
 --- Geschichte, Gesellschaft, Politik und Zeitgeschehen, S. 100 - 120 ---



Beispiele aus vier Verlagen (drei französische, ein deutscher) mit wichtigen Titeln
zu Humanwissenschaften und Religion(en):
  Für mehr Infos auf die Bildunterschriften klicken!



                                                          Editions Seuil 
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Abdelwahab Meddeb (1946-2014):
Ausgabe 2006: "Gegen-Predigten
Mehr zum Buch: hier


Gegen-Predigten 2:
Die Zeit der Unversöhnlichen (2017)




                                                        Gallimard 
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Islam, Islamismus, arabische Welt, Frankreich im Angesicht des Terrorismus - 
Aktuelle Titel 


Reihe: folio actuel


Der Riss (2016)
Zwietracht.
Krieg im Herzen des Islam (2004)




Djihad (2003)
Terror in Frankreich.
Die Genese
des französischen Djihadismus
(2015)


                                                     Albin Michel 
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Apokalypse im Koran:
Das Ende aller Dinge (2017)
Mehr zum Buch: hier
Jesus und
das Buch der Heilungen -
Vertiefung der Evangelien (2017)
Mehr zum Buch: hier



Die Fülle der Leere (2016):
Details: hier
 Midrasch-Lektüre (2017)
Die Vergessenheit
des Buchstabens
Mehr zum Buch: hier

Juden und Muslime - Details: hier - Jesus-Enzyklopädie - Details: hier






Suhrkamp: Frankreich als Wissenschaftsland
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Cover:
VerurteilenCover: Politik der
FeindschaftCover: Kampf um
GaiaCover: Das intensive
LebenCover: Das
Leben
Cover: Gesellschaft als
UrteilCover: Es gibt keine
kulturelle IdentitätCover: Theorien und
Institutionen der
StrafeCover: Die Musik und
das UnaussprechlicheCover:
Lévi-Strauss


Weitere Infos und Buchvorstellungen:




CC



Dienstag, 10. Oktober 2017

Die Vielfalt koranischer Auslegungstraditionen

Abbas Poya (Hg.):

Koranexegese
als »Mix and Match«

Zur Diversität aktueller Diskurse in der tafsir-Wissenschaft

Bielefeld: Transcript 2017, 2018 S.
ISBN: 978-3-8376-4112-7
E-Book (PDF): ISBN: 978-3-8394-4112-1

Verlagsinformation
Die Beschäftigung mit dem Koran ist nicht nur ein zentrales Interesse muslimischer Gelehrsamkeit, sie ist auch wichtig, um die geistig-religiösen Hintergründe der verschiedenen – fundamentalistischen, liberalen, traditionellen oder modernen – Positionen im Islam zu verstehen.
Dieser Band diskutiert texthermeneutische Zugänge aus verschiedenen Regionen des Islam – von der Türkei über Ägypten, Syrien, den Iran bis hin zu Indien. Die Beiträge konturieren die Koranexegese als eine Mix-and-Match-Hermeneutik, an der verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen, methodischen Ansätzen und Lebenserfahrungen beteiligt sind. Auf diese Weise wird die Pluralität im islamischen Denken und Handeln als selbstverständlich erachtet und u.a. in den unterschiedlichen Zugängen zum Koran begründet.
Autorenbild Poya, Abbas;(Hg.)
Abbas Poya (PD Dr. phil.) ist habilitierter Islamwissenschaftler und hat an den Universitäten Hamburg, Freiburg und Zürich gelehrt. Er leitet die Nachwuchsforschergruppe »Norm, Normativität und Normenwandel« an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Islamisches Recht, Toleranz, moderne intellektuelle Diskurse im Islam sowie Gerechtigkeit als normatives Konzept.

Interview mit Abbas Poya


1.  Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die meisten pflegen ein einfaches und einheitliches Bild des Islam. Demnach haben die Muslime einen Gott, ein Buch und die gleiche Vorstellung. Das ist auch ein Wunschbild vieler Muslime. Der vorliegende Sammelband ist bemüht, dieses Bild zu verkomplizieren und zu veranschaulichen, dass die Muslime keine einheitliche Vorstellung haben, denn sie lesen und verstehen ihren Grundtext, den Koran, unterschiedlich. Gerade diese Vielfalt an religiösen Vorstellungen und Praktiken macht die Dynamik und Schönheit islamischer Kultur aus.

2.  Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Gewöhnlich wird die Koranauslegung textzentriert verstanden: der Exeget sucht nach einer objektiven und statischen Bedeutung im Text und reagiert dann in der Praxis auf diese Bedeutung hin. Folglich wird das Handeln der Muslime auf den Koran zurückgeführt. Der Sammelband zeigt auf, die Koranexegese leserzentriert zu verstehen: der Exeget gibt dem – koranischen – Text die Bedeutung, indem er ihn interpretiert. Das Handeln eines Muslims – und damit auch sein Koranverständnis – gehen auf seine eigenen Intentionen, Interessen und lebensweltlichen Bedingungen zurück.

3.  Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
In den bisherigen Auseinandersetzungen mit dem Koran und der Koranexegese wurde dem philologischen Aspekt, d.h. den formalen und sprachlichen Strukturen des Textes, viel Gewicht beigemessen. Der Sammelband versteht sich als ein Beitrag dazu, diese Wissenschaftsdisziplin mit allgemeinen texthermeneutischen und literaturwissenschaftlichen Ansätzen zu bereichern.

4.  Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit all denjenigen, die mit voller Gewissheit für eine bestimmte Auslegung des Korans stehen. Ich würde gerne mit ihnen die Frage diskutieren, woher sie diese Gewissheit haben und was sie davon abhält, den anderen das gleiche Recht zuzusprechen, das sie für sich beanspruchen, nämlich den Koran auf eigener Art zu interpretieren.

5.  Ihr Buch in einem Satz:
Umfasst einige diverse, ja widersprüchliche Koranverständnisse und legt damit ein Zeugnis davon ab, wie der Leser eines Textes im Grunde ihn neu schreibt.