Donnerstag, 1. August 2019

Impulse aus der Reformationszeit für die Begegnung mit dem Islam heute - ein Diskurs


Werner Höbsch / André Ritter (Hg.):
Reformation und Islam. Ein Diskurs


Im Auftrag des Europäischen Instituts
für interkulturelle und interreligiöse Forschung


Leipzig: EVA 2019, 355 S.
--- ISBN 978-3-374-06004-7 ---

InterReligiöse Bibliothek (IRB) / InterReligious Library:
Buch des Monats August 2019 /
Book of the Month August 2019
  • Resümee / Bilanz >>>
  •  English summary at the end of the review 
  •  Résumé français au bout du compte rendu

Der Anlass dieser Veröffentlichung ist das Impulspapier der Konferenz für Islamfragen der EvangelischenKirche in Deutschland (EKD) „Reformation und Islam“ vom Mai 2016 (35 S.) --- Download des Textes: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/reformation_und_islam.pdf
Es erschien mit Blick auf das „Reformationsjubiläum“ 2017. Eine breite kontroverse Debatte war die Folge. Die Herausgeber, zwei im Dialog erfahrene Theologen, Werner Höbsch (katholisch) und André Ritter (evangelisch) dokumentieren einen Teil dieses bewegten Diskurses.
Mehr zu Werner Höbsch: https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_H%C3%B6bsch und
zu André Ritter:
http://www.europaeisches-institut.li/Institutsvorstand/Direktor/tabid/67/Default.aspx
Auch die Beitragenden dieses Diskussionsbandes haben durchweg jahrelange Erfahrungen im christlich-islamischen Dialog gesammelt. Es sind Christen und Muslime, Wissenschaftler/innen, die oft an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis arbeiten.

In der Einleitung betonen die Herausgeber die Relevanz und Aktualität des Themas. Das lässt sich faktisch an der täglichen Berichterstattung der Medien und in den sozialen Netzwerken ablesen.
Teil I: Zur Entstehung des Impulspapiers und kritische Anmerkungen
Detlef Görrig (Kirchenamt der EKD, Hannover) betont zur faktisch 10jährigen Entstehungsphase des Impulspapiers, dass mit diesem Text die Sicht Luthers und der Reformation auf den Islam in den Blickpunkt gerückt werden soll. Gleichzeitig ist zu klären, wie das durchaus ambivalente und z.T. hoch problematische Islambild des Reformators im Horizont der gegenwärtigen Debatten zu bewerten ist. Man kann aber auch sagen, dass angesichts der damaligen Bedrohung durch Osmanische Eroberungen diese Herausforderung den heutigen Blick der (evangelischen) Kirche schärfen kann. Denn die Osmanen stehen nicht mehr vor Wien wie 1529, vielmehr leben Christen und Muslime in Deutschland oft direkt nebeneinander. In dieser Weise ist der Islam selbstverständlich und doch umstritten ein Teil Deutschlands.
André Ritter (Europäisches Institut für interkulturelle und interreligiöse Forschung Liechtenstein) merkt kritisch den umfassenden Anspruch des Impulspapiers an. Gerade reformatorische Orientierungen, die konfessionelle Identität stärken sollen und die religiöse Vielfalt der Gesellschaft als dialogische Chance wahrnehmen, sind keineswegs ohne weiteres aus der damaligen historischen Situation abzuleiten. Die Reformation war kein Zeitalter der Toleranz; und die theologischen Texte als Quelle für den heutigen christlich-islamischen Dialog zu nutzen, erscheint fragwürdig, wenn man bedenkt, dass Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit und Menschenrechte nicht aus der Reformation, sondern aus der Aufklärung erwuchsen.
Teil II: Dialogische Ansätze mit dem Islam im Horizont von Reform und Reformation
Die AutorInnen des Teils II – Christen und Muslime – blicken darum auch prüfend in die Geschichte der Religionen und verweisen auf frühe Beispiele aus dem Mittelalter und untersuchen dann die Reformationszeit sowie die zunehmende Verfestigung der Konfessionen im 16./17. Jahrhundert. Dies alles führt zu heutigen grundsätzlichen Überlegungen.
Die evangelische Theologin Athina Lexutt (Universität Gießen) benennt drei unterschiedliche Beispiele: Ramon Llull (1232–1316) mit erstaunlicher Dialogoffenheit, Papst Pius II. (1405–1464) mit Blick auf eine grundsätzliche humanistische Herrscherethik und Nikolaus von Kues (1401–1464) bei aller Abgrenzung doch mit sorgsamer Annäherung an den Inhalt des Korans.
Der ev. Pfarrer und Geschichtsprofessor Andreas Mühling (Universität Trier) zeigt im Horizont der Türkengefahr das bereits gängige (apokalyptische) Ablehnungsszenario gegenüber dem Islam im Sinne einer christlichen Häresie. Das gilt für Luther, Zwingli, Bullinger, Calvin und Bibliander, die allerdings über die Praxis der Muslime z.T. auch positive Worte finden konnten. Im weiteren Verlauf der Verfestigung der Konfessionskirchen verliert die Auseinandersetzung ihre apokalyptische Schärfe, weil das Osmanische Reich kaum noch als Bedrohung empfunden wurde und genauere Untersuchungen (auch dank zunehmender Koran-Übersetzungen) langsam vorankamen.
Auf das schwierige Erbe, das Luthers Türken- und Islamverständnis hinterlassen hat, bezieht sich der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel (Universität Tübingen). Luther stand in einem Drei-Fronten-Konflikt – 1. gegen Kaiser, Papst und „Papisten“, 2. gegen die innerprotestantischen Gegner und 3. gegen die Türken. Die Analyse seiner dazu gehörenden Schriften zeigt die Ablehnung der lange vorherrschenden  Kreuzzugsideologie und den Ruf zur Buße angesichts der islamischen Bedrohung. Dafür instrumentalisiert der Reformator den Islam zur Denunzierung der Gegner. In Luthers ambivalentem Islam-Lob schwingt die gute Ethik der Muslime mit, aber sie ist nur Werkgerechtigkeit und darum zur Verdammnis verurteilt. Im Blick auf eine heutige Wertung gilt es darum dreierlei zu bedenken.
1. Das Islampapier der EKD verharmlost Luthers Islam-Verurteilung.
2. Luther nutzt jedoch die Islamauseinandersetzung zur Selbstprüfung und Selbstreinigung.
3. Historisch hat die Türkengefahr die Ausbreitung des Protestantismus politisch begünstigt, weil eine koordinierte Strategie gegen den Protestantismus nicht möglich war; denn der Kaiser brauchte die protestantischen Fürsten.
Kuschel bilanziert: „Es wäre hilfreich, wenn es im Lichte der theologischen Grundeinsichten, eine offizielle selbstkritische Aufarbeitung von dem gäbe, was Martin Luther uns in Sachen Islam als sein Vermächtnis hinterlassen hat“ (S. 143). Man kann aktuell hinzufügen, dass dies weder mit dem Islampapier noch im Reformationsjahr 2017 geschehen ist.
Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin (Universität Köln) sieht als Muslima die Notwendigkeit, dass der Islam auf Veränderungen reagieren muss und eine Reform braucht. Diese geht jedoch von anderen Vorbedingungen aus als die Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie stellt zur Verdeutlichung eine ganze Reihe von islamischen Reformdenkern aus der Sunna und Schia vor, die den theologischen Diskurs in Vergangenheit und Gegenwart bis heute wesentlich beeinflussen, auch wenn sie heute in der islamischen Welt zu wenig beachtet werden.
(Vgl. ihr Buch: Reformislam. München: C.H. Beck 2018, 3. Aufl., ursprünglich: Den Islam neu denken. 2013,
Rezension:
https://buchvorstellungen.blogspot.com/2013/06/buch-des-monats-juli-2013-reformer-im.html) 
Die gegenwärtige Debatte im Zusammenhang einer Reformation des Islam leidet jedoch darunter, dass christlich-theologische Denkmuster auf den Islam übertragen werden (S. 187).
Den Umgang mit Pluralität generell und im islamischen Kontext erläutert Ertugrul Şahin (islamischer Politik- und Religionswissenschaftler, Universität Frankfurt/M.). In seinem kritischen Durchgang unter den Leitmotiven von Säkularisierung und Demokratie grenzt er sich u.a. scharf ab: von Sayyid Qutb (1906-1966) und Abul A’la Maududi (1903-1979) und deren religiösen Absolutheitsansprüchen. Dagegen stellt er moderne Denker wie Abed Al Jabri (1935-2010) und Tarek Badawia heraus. Ihre dem Idschtihad (eigenständige Urteilsbemühung) gemäße pluralitätsoffene Koran-Interpretation (vgl. Sure 5,48) bietet die Möglichkeit, eine friedliche Kommunikation unter pluralistischen Bedingungen zu erreichen (S. 218f).
Das im Protestantismus als Leitmotiv geltende „sola scriptura“ sieht Klaus von Stosch (Universität Paderborn) als möglichen Anknüpfungspunkt für eine christlich-muslimische Verständigung: Beide Glaubensweisen sehen zwar ihre heilige Schrift als Gottes Wort an, ziehen daraus aber abweichende Folgerungen. Die Diskussion kann nur vorankommen, wenn einige muslimische Vorwürfe überwunden werden. Dazu gehört u.a.: Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, der Koran ist verbalinspiriert, die Hebräische Bibel und das Neue Testament wurden verfälscht, der Koran ist die (endgültige) Richtigstellung. Von Stosch plädiert darum für eine „Theologie wechselseitiger Wertschätzung und eines gemeinsamen Ringens um die Bedeutung aller drei Heiliger Schriften“ (S. 239).
Der Mitherausgeber Werner Höbsch geht die Sache mehr pragmatisch an, indem er das Votum einer „ecclesia semper reformanda“ als Aufgabe zum heutigen kritischen Verstehen der Geschichte der Reformation begreift. So kann Kirche zu einer Lerngemeinschaft mit anderen Religionen führen, um diese tiefer zu verstehen und ohne die „sanftmütige“ Bezeugung des Glaubens aufzugeben (vgl. 1. Petrus 3,16). Hier haben kirchliche Verlautbarungen der letzten Jahrzehnte sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite Orientierungen aufgezeigt, die weiter konkretisiert werden müssen.
Teil III: Herausforderungen für den christlichen Glauben
zwischen Dialog-Offenheit und Exklusivismus

Der evangelische Systematiker Reinhold Bernhardt (Universität Basel) zeigt in seinem Beitrag Wege auf, um eine Stärkung evangelischer Identität im Kontext religiöser Pluralität zu ermöglichen. Der Respekt gegenüber der anderen Religion bedeutet nicht Aufgabe des eigenen von Christus her geprägten Glaubens, sondern eine Überprüfung im Horizont der Pluralität. Der aus den neutestamentlichen Texten abgeleitete Missionsauftrag bedeutet von daher nicht Missionierung des Anderen, sondern die Bezeugung des eigenen Glaubens, die bewusst in den Dialog eingebracht wird. Realisieren lässt sich dies am besten mit einer interreligiösen Gastfreundschaft, wo nicht Fremde, sondern Freunde (Gastfreunde) zusammenkommen. Hier erweisen sich nämlich nicht nur die Gemeinsamkeiten der Religionen, sondern auch die Unterschiede als bereichernd und stimulierend. Im Anklang an Karl Barth kann man sagen: Es sollte gerade im Dialog dem Heiligen Geist mehr Raum gegeben werden …
Wie sehen nun die aktuellen Herausforderungen im Dialog mit dem Islam aus? Das fragt Andreas Renz, Dialogbeauftragter des Erzbistums München. Angesichts der öffentlichen Präsenz des Islam und gesellschaftlicher Pluralität braucht die Begegnung verlässliche Dialogstrukturen institutioneller Art und eine qualitative Dialogsicherung durch die theologische Wissenschaft (sowohl des Islams als auch des Christentums). Nur so können die Brennpunkthemen glaubwürdig angegangen werden. Hier stehen neben den dialogischen Stolpersteinen (wie sie bereits Klaus von Stosch benannt hatte) auch die Missachtung der Menschenrechte und Verfolgung von (religiösen) Minderheiten auf der Agenda. Ziel muss sein, den Dialog „trialogisch“ und multilateral im Horizont praktizierter Nächstenliebe und spiritueller Annäherung auszuweiten.
Josef Freise (Katholische Hochschule NRW in Köln) und Mouhanad Khorchide (Islamwissenschaftler, Universität Münster) sehen sich gemeinsam herausgefordert, gegen Fundamentalismus und sich absolut gebärdenden Exklusivismus mit entsprechenden Auslegungen in Bibel und Koran in der eigenen Religion vorzugehen. Das bedeutet Zivilcourage gegen die Scharfmacher und vorurteilsfreie interreligiöse Begegnung. Von daher sind beide religiösen Traditionen genötigt, Reform-Initiativen gerade angesichts der Schwierigkeiten interreligiöser Begegnung einzuleiten.
Der kurze Teil IV von Werner Höbsch und André Ritter endet mit der Erinnerung an die im Buch mehrfach hervorgehobenen Hindernisse christlich-islamischer Begegnung, die eine kritische Weiterführung der Reformation des 16. Jahrhundert gerade unter heutigen Bedingungen notwendig machen. „Im Rahmen einer fortgesetzten >Lerngeschichte der Reformation von der Konfrontation zur Weggemeinschaft< werden die christlichen Kirchen den Auftrag ecclesia semper reformanda nicht nur in ihrem jeweiligen Umgang mit Muslimen, sondern darüber hinaus auch in ihrem theologischen Verständnis vom Islam neu bedenken müssen“ (S. 353).
Zusammenfassung / Bilanz:
Impulse aus der Reformationszeit für eine dialogische Neubesinnung heute
Das Impulspapier der EKD „Reformation und Islam“ von 2016 hat die ambivalenten Möglichkeiten reformatorischer Erfahrungen für den christlich-islamischen Dialog ins Spiel gebracht. So erscheint die Geschichte der Reformation angesichts der Begegnung mit dem Islam höchst problematisch angesichts der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Konstellationen der damaligen Zeit: Gefahr der türkischen Invasionen, soziale Auseinandersetzungen, Streit zwischen Papst, Kaiser, Fürsten und die Spannungen zwischen Alt- und Neugläubigen ergeben ein höchst ambivalentes Bild. Wenn man also die damaligen Erkenntnisse, Verurteilungen und auch interreligiöse Annäherungen für die heutige Situation effektiv über-setzen will, ist eine kritische Aufarbeitung nötig. Sie zeigt immerhin, dass hermeneutisch flexible Weichenstellungen im Verständnis des Menschen vor Gott und der Auslegung der Heiligen Schriften Möglichkeiten eröffnen können, den christlich-islamischen Dialog sowohl theologisch wie praktisch voranzubringen. Dabei sind Dialog und Zeugnis für den Glauben in interreligiösen Begegnungen keine Alternativen, sondern fordern heraus, den anderen ernst zu nehmen und theologische Erkenntnisse unter den Bedingungen der Moderne umzusetzen. Das bedeutet jedoch zugleich, dass Dialog nur gelingen kann, wenn dogmatisch verfestigte Positionen nicht mehr absolut festgehalten werden, sondern sich ein reform-orientiertes Verständnis durchsetzt.

English Summary:
Impulses from the Reformation Period for a New Dialogical Reflection Today
The impulse paper of the EKD (Protestant Church of Germany) "Reformation and Islam" of 2016 brought into play the ambivalent possibilities of reformatory experiences for the Christian-Islamic dialogue. Thus, the history of the Reformation appears to be highly problematic in light of the encounter with Islam in view of the political, social and ecclesiastical constellations of that period: it show a highly ambivalent picture regarding the danger of the Turkish invasions, social conflicts, disputes between pope, emperor, princes, the tensions between the old and new believers.
If we want to transfer the former insights into today’s situation in an effective manner, a critical reappraisal is necessary facing condemnations and also interreligious approximations. After all, we can see that hermeneutically flexible decisions in the understanding of man before God and in the interpretation of the Holy Scriptures can open possibilities, so that the Christian-Muslim dialogue can advance theologically and practically. Dialogue and witness for faith in interreligious encounters are not alternatives, but are a challenge for us to take the other seriously and to transfer theological insights under the conditions of modernity. At the same time, however, this means that dialogue can only succeed if dogmatically entrenched positions are no longer held absolutely; a reform oriented understanding must prevail.

Résumé français:
Les branles de la Réforme pour une nouvelle réflexion dialogique aujourd'hui
Le document d'impulsion de l'EKD (= Église Protestante d’Allemagne) "Réforme et Islam" de 2016 a mis en évidence les possibilités ambivalentes d'expériences de la Réforme pour le dialogue islamo-chrétien. Au regard de la rencontre avec l'Islam, l'histoire de la Réforme apparaît très problématique à cause des constellations politiques, sociales et ecclésiastiques de ce temps-là: le danger des invasions turques, les conflits sociaux, les disputes entre pape, empereur, princes, les tensions entre les anciens et les nouveaux croyants montrent une image très ambivalente. Si l'on veut transférer efficacement les idées d’antan, une réévaluation critique est nécessaire au regard des condamnations et des approximations interreligieuses. Après tout, cela montre que des décisions herméneutiquement flexibles dans la compréhension de l'homme devant Dieu et dans l'interprétation des Saintes Écritures peuvent ouvrir des possibilités pour faire progresser le dialogue islamo-chrétien, tant théologiquement que pratiquement. Le dialogue et le témoignage de foi dans les rencontres interreligieuses ne sont pas des alternatives, mais nous mettent au défi de prendre l'autre au sérieux et de transmettre des perspectives théologiques sous les conditions de la modernité. Dans le même temps, cependant, cela signifie que le dialogue peut réussir seulement si des positions dogmatiquement bien ancrées ne sont plus défendues de manière absolue; Il faut qu’il prévaille une compréhension, axée sur les réformes.
Reinhard Kirste

Rz-Höbsch-Ritter-Reformation-Islam, 31.07.19 


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