Samstag, 1. Februar 2020

François Déroche: Der Koran - eine vielfältige Geschichte. Essay zur Entstehung des Koran-Texts


François Déroche:
Le Coran, une histoire plurielle.
Essai sur la formation du texte coranique

Paris: Seuil 2019, 297 pp., illustr., bibliographie., glossaire
--- ISBN 978-2-02-141252-9 --- 

--- Der Koran, eine vielfältige Geschichte.
Essay über die Entstehung des Korantextes ---


Die Debatten um ein sachgemäßes Verständnis des Korans in der Gegenwart beschäftigen in letzter Zeit intensiv Islamwissenschaftler und Philologen weltweit sowohl auf christlicher wie auf islamischer Seite. Der renommierte Koranforscher, François Déroche (geb. 1952) ist nicht nur Professor am Collège de France, sondern auch Leiter des Forschungsprojekts [Laboratoire] „Histoire du Coran. Texte et Transmission“. In das vorliegende Buch fließen darum bisherige Forschungsergebnisse mit ein, die seit 2015 jährlich veröffentlicht wurden:

2016-2017 --- La canonisation du texte coranique -Version PDF 

2015-2016 --- Le manuscrit coranique sous la dynastie omeyyade
                       
Version PDF 
  - Publication numérique (OpenEdition)

2014-2015 --- La voix et le calame. Les chemins de la canonisation du Coran                          Version PDF  -  Publication numérique (OpenEdition)

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Als Wissenschaftler geht Déroche davon aus, dass alle religiösen Traditionen mit ihrem Offenbarungsanspruch als göttliches Wort eine mehr oder minder längere Phase der mündlichen Weitergabe erlebt haben. Davon kann der Koran nicht ausgenommen werden. Verstärkend kommt hinzu, dass nach der Tradition das Original des Korans im Himmel aufbewahrt wird, was natürlich ein relativierendes Licht auf die irdischen Kopien wirft, die diese eigentlich sehr genau widerspiegeln müssten. Déroche vergleicht nun die ältesten, noch vorhandenen koranischen Manuskripte miteinander,
um besonders die Varianten und Versionen von den mündlichen Traditionsanfängen
 bis ins 8. Jahrhundert zu untersuchen.
Der Autor geht nun in 5 Schritten vor, um das im Vorwort bereits mehr thesenhaft Vorgestellte zu belegen. Dies wird zu einem spannenden Gang durch die verschiedenen Koranversionen unter Berücksichtigung oraler Überlieferungen.
In der Einleitung spricht Déroche die Bewertungsschwierigkeit mit den verschiedenen Textvarianten des Korans an, die teilweise nur durch die Hadithe belegt sind. Er nennt u.a. das bekannte Beispiel der Steinigung von Ehebrechern, das nicht im Koran steht; aber der Hadith hat Spuren von Versen aufbewahrt, die dem koranischen Corpus verloren gegangen sein könnten oder bewusst nicht in den koranischen Kanon aufgenommen wurden (S. 31f).
1. Kapitel: Entstehung des Korans und die Ursprünge der Variationen
Auch der Koran ist als ein antiker Text zu verstehen und entsprechend zu untersuchen. Er beschreibt jedoch göttliche Offenbarungen an den Propheten Mohammed zu verschiedenen Zeiten. Diese sind weder historisch noch chronologisch eindeutig zuzuordnen. Außerdem muss man festhalten, dass der Bestand der Offenbarungen mit dem Jahren erheblich anwuchs, aber es verschwanden auch Worte. So sind die ersten Niederschriften der göttlichen Worte unterschiedlich, zumal sich die arabische Schrift erst entwickelte und die Punktation der einzelnen Worte Varianten zuließ. Darum muss man nicht nur die einzelnen individuellen Suren berücksichtigen, sondern den Corpus der Offenbarungen insgesamt.
Bereits hier spricht Déroche an, was er im Kapitel 5 ausführlich behandelt, nämlich die Verfestigung der mündlichen Überlieferung durch ihre Verschriftlichung und die Beschränkung auf sieben Offenbarungsvarianten (Hadith der 7 Ahruf). Es sollte schließlich ein einheitlicher Koran-Text geschaffen werden (S. 71f).
2.  Eine genauere Beachtung erfordert nun, wie bei der Entstehung des schriftlichen Korans die mündliche Überlieferung eingeflossen ist (2. Kapitel).
Ehe die Offenbarungen des Propheten in der Zeit in Mekka und Medina aufgeschrieben wurden, war das Gedächtnis seiner auswendig gelernten Worte durch seine Gefährten der entscheidende Übertragungsfaktor. Sie gaben die Botschaft auch an andere weiter. Es entstehen Übertragungsketten
(isâd
). Hier liegt bereits eine Reihe von Unterschieden in der Weitergabe begründet. Daraus folgt, dass auch die ersten schriftlichen Fixierungen dieser Worte verschiedene Lesarten hervorbrachten, die mit der Rezitation der jeweiligen Abschnitte, der Suren, zu tun haben. Déroche vergleicht dazu einzelne Suren der verschiedenen Manuskripte. miteinander. Die Benutzung eines Wortes mit unterschiedlicher Bedeutung bzw. die Ersetzung durch ein anderes Wort, Die unterschiedliche Punktation bestimmter Wörter signalisiert eine beachtliche Variationsbreíte, die der Autor an mit Fotos dokumentiert, so etwa Sure 36,35 (S. 85ff), 10,22 und 23,112-114 (S. 99-105). In der Tradition werden 14 solcher Varianten akzeptiert, die scheinbar/anscheinend niemals inhaltsverändernd waren.
3.  Die islamische Tradition der Anfänge
bei der schriftlichen Überlieferung des Korans
Die Problematik mündlicher Überlieferung ist jedoch, dass irgendwann doch Wichtiges verloren geht, besonders weil durch kriegerische Ereignisse in der Nachfolge des Propheten einige der ersten Zeugen starben. Darum ließ der Kalif Abu Bakr, ein Gefährte des Propheten, die bisher bekannte Überlieferung schriftlich fixieren.
Déroche erläutert detailliert, wie einzelne Schreiber die Offenbarungsworte festhielten, so dass diese dann dem Nachfolger von Abu Bakr, dem Kalifen Umar ibn al-Khattâb (634-644) präsentiert werden konnten. Sie stellen die erste vollständige Überarbeitung des Koran-Textes dar. Aber es waren natürlich noch weitere schriftliche Aufzeichnungen im Umlauf. Von besonderer Wichtigkeit sind dabei die Hadith-Sammlungen, etwa die frühen von Al-Buchari und al-Zuhri, die die Authentizität der Mohammed-Tradition zu sichern suchten, aber auch die weiteren Hadith-Sammlungen, die nicht alle als sichere Quelle angesehen werden können.
Vgl. die Liste der vielen Hadith-Sammlungen:  https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Hadith-Sammlungen
So wird verständlich, dass der sich entwickelnde islamische Staat das Bedürfnis nach einer authentischen Fassung des Korans verstärkte, wie sich im Kalifat von Uthmân ibn Affân (644-656), dem dritten Nachfolger Muhammads zeigte. Da man auch in kriegerischen Ereignissen die von Mohammed eingeführten Rituale pflegte, machten natürlich verschiedene Fassungen der Koranrezitation Schwierigkeiten, insbesondere, da auch viele nicht arabische Männer im Heer des Kalifen dienten. Uthman setzte also eine Kommission ein, die einen Vergleich der verschiedenen Fassungen vornahm und eine allgemeingültige Version erstellte. Déroche nennt sie im Vergleich zur Entwicklung der Bibelausgaben die „Uthmannsche Vulgata“.

4.  Von den Manuskript-Lesarten zur Konstitution einer "Uthmanischen Vulgata".
Die staatspolitisch gewollte Überprüfung und Absicherung einer authentischen Korantextes führte dazu, dass in der „Uthmanschen Vulgata“ die unverfälschten Worte Gottes stehen und die muslimische Orthodoxie faktisch an Boden gewann. Denn nun lag ein gültiges umfassenden Glaubensbekenntnis des Islam vor, während bisherige Abweichungen nicht mehr akzeptabel waren. Dies geschah also bereits 25 Jahre nach dem Tode des Propheten. Mit der Anfertigung solcher Kopien sollten dann auch auf Befehl des Kalifen die früher entstandenen Manuskripte vernichtet werden. Angesichts der weiteren Expansion des Islam in nicht-islamische Gebiete Nordafrikas und des Mittleren Ostens hatte man nun ein für alle Muslime gültiges Leitbild. Die rivalisierenden Kopien verschwanden jedoch nicht völlig. Sie sind teilweise heute noch vorhanden. Déroche hat sie aufs Sorgfältigste verglichen. Er erwähnt unter anderem die auffälligen Varianten von Ubaiy ibn Ka'b, einem „Sekretär“ des Propheten (gest. um 650), der anscheinend 116 statt der 114 in der „Vulgata“ zugelassenen Suren gezählt hat und Abdallah Ibn Mas'ûd, einen der wichtigsten Gefährten des Propheten, der 111 Suren aufführte (da er weder Sure 1 noch Sure 113-114 akzeptierte). Unter den Abbasiden im 10./11. Jahrhun
dert wurden dann offensichtlich noch einige weitere konkurrierende Koranversionen vernichtet.

5.  Die Einschränkungen (Klauseln) im Blick auf den "Hadith der 7 Ahruf".
Hier geht es um eine Überlieferung, den Hadith, der sich auf sieben beschränkte geoffenbarte Varianten des Korans bezieht. Genauer gesagt: Es geht um sieben Rezitationsarten, die jedoch auch zu inhaltlichen Veränderungen führten. Die hier erfolgten Einschränkungen beziehen sich also nicht auf mögliche textuelle Rezitationsvarianten im Koran (qira’at), die bei der Lektüre des Korans individuell vorgenommen werden;
die 7 Ahruf sind grundsätzlichere Klauseln. Déroche zieht hier ausführlich den Codex Parisino Petrolitanus  heran, eines der ältesten Koranmanuskripte noch aus dem 7. Jahrhundert sowie ein jemenitisches Palimpsest aus der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts, Dar al-Makhtutat. Am Schluss seiner Untersuchungen kommt er zu dem Ergebnis: Diese „Klauseln“ zeigen im Verlauf der Tradition die sich durchhaltende Erinnerung an frühere Praktiken zur Kanonisierung des Korantexts, und zwar sogar schriftlich! (S. 258).

In der Schlussfolgerung des Autors wird durch den Bezug auf die sog. Klauseln und dem Hadith
der 7 Ahruf
brennpunktartig deutlich, dass erst
die islamische Orthodoxie in der weiteren Entwicklung der Koranauslegung von der mündlichen Überlieferung bis zur Kanonisierung eines schriftlichen Textes („Uthmanische Vulgata“). Hier entwickelt sich ein absolutes Wortverständnis, ein Literalismus, der an die Entstehung der biblischen Verbalinspiration in der altprotestantischen Orthodoxie erinnert Nun waren bei den Koranversen keinerlei Rückfragen mehr erlaubt. So wurde versucht, die Konkurrenzversionen des Korans zu unterdrücken. Eine solche Art, theologische Probleme zu lösen, lässt sich schon deshalb nicht rechtfertigen, weil der Prophet Mohammed offensichtlich stärker an der Verbreitung der göttlichen Botschaft interessiert war, als an einer eingrenzenden wörtlichen Weitergabe auf mündlichem oder schriftlichem Wege. Darum hält Déroche am Schluss fest: „Vom Ende des 7. Jahrhunderts und im Verlauf des gesamten 8. und 9. Jahrhunderts zielte die Einführung von Schreibstilen darauf ab, dem Koranexemplar (masahif) eine starke visuelle Identität zu geben. Eine solche ist für Kopien des Korans in einem bestimmten Format oder sogar für bestimmte Bucheinbände spezifisch. Damit wurde das >Buch Gottes< (kitab Allah) sakralisiert und aus der täglichen Schreibpraxis herausgenommen“ (S. 273 f).


Resümee: Von den Offenbarungen an den Propheten Mohammed
bis zur Erstellung einer verbindlichen Koranversion

Die Forschungsarbeit des französischen Islamwissenschaftlers François Déroche beweist ausführlich, dass sowohl die mündlichen wie die schriftlichen Tradition des Korans keine ursprüngliche Einheit und Uniformität widerspiegeln. Erst die islamische Orthodoxie versuchte, einen absoluten Wortsinn des Korans durchzusetzen, eine Art der Verbalinspiration. Déroche betont dagegen, dass es offensichtlich dem Propheten Mohammad darum ging, die Bedeutung der göttlichen Botschaft weiterzutragen und nicht einzelne Worte zu transportieren.

Beim Überblick über das gesamte Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse Déroche auf dem Hintergrund des Laboratoire dans le Collège de France. Histoire du Coran. Texte et Transmission hier zusammenfasst, kommen auch die Forschungen der deutschen Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth in den Blick. In Verbindung mit dem Corpus Coranicum gab es übrigens eine direkte Zusammenarbeit. Vgl. https://corpuscoranicum.de/about/index

Gerade von daher wäre eine Übersetzung des Buches von Déroche ins Deutsche zu wünschen, um angesichts der ähnlichen Zielsetzungen noch mehr die immense Bedeutung der verschiedenen Lesarten und Rezitationsvarianten des Korans für ein heutiges Verständnis herauszuarbeiten. Durch diese wegweisenden Forschungen eröffnen sich weitere hermeneutische Beurteilungsmuster. Dem kommt auch für ein heutiges islamisches Selbstverständnis große Bedeutung zu. Zugleich ist hier im Zusammenhang von christlicher und islamischer Theologie eine solide wissenschaftliche Basis für ein besseres Verstehen von Christentum und Islam gelegt.

Reinhard Kirste

Rz-Déroche-Coran, 01.02.2020

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