Montag, 30. Dezember 2013

Hoffnung für Palästina?



Sumaya Farhat-Naser: Im Schatten des Feigenbaums.
Herausgegeben von Willi Herzig und Chudi Bürgi.
Basel: Lenos 2013, 223 S. --- ISBN 978-3-85787-436-9 ---

Die bekannte christlich-palästinensische Friedens- und Menschenrechtsaktivistin besuchte die Internatsschule deutscher Diakonissen nahe Bethlehem. Danach studierte sie an der Universität Hamburg Biologie, wurde vom Evangelischen Studienwerk Villigst gefördert und promovierte in Botanik. Später als Dozentin an der palästinensischen Universität Bir Zait (Bir Zeit) und Leiterin des palästinensischen Jerusalem Center for Women ist sie heute in Projekten für Frauen engagiert, um eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes herbeizuführen. Denn: »Unser Land wird uns systematisch weggenommen«. Diese Aussage über israelischen Landraub im palästinensischen Westjordanland, die in Europa kaum wahrgenommen wird, belegt sie in ihrem neuen Buch.

Nach «Thymian und Steine» (1995), «Verwurzelt im Land der Olivenbäume» (2005) und «Disteln im Weinberg» (2007) ist dies der vierte Band ihrer persönlichen Autobiografie, die gleichzeitig eine «Autobiografie» Palästinas darstellt. Der Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis zum 23. April 2013, ergänzt durch eine kurze Chronologie von 1896 bis 2013, wird sehr gut geschildert: Sie beschreibt, wie israelische Siedler Weinberge, Olivenhaine, Felder zerstören und Wasserquellen rauben – unter dem Schutz der israelischen Armee. Dennoch lehrt sie engagiert gewaltfreie Kommunikation und den Umgang mit Konflikten. Enttäuscht ist sie über die Neigung, berechtigte Kritik an Israel kleinzureden. Doch der Feigenbaum sei »ein Zeichen für Frieden, Sicherheit und Lebensglück« trotz Entrechtung der Palästinenser in ihrer Heimat sowie im Blick auf nachhaltige Perspektiven für Israel und Palästina.

Der Jerusalemsverein und das Berliner Missionswerk unterstützen seit drei Jahrzehnten ihre Friedensarbeit. In seiner Predigt am 15. Dezember 2013 in der Erlöserkirche, Jerusalem, sagte Nikolaus Schneider: „Auch wir leiden daran, dass trotz Jesu Ankunft, damals vor mehr als zwei Jahrtausenden, in unserer Welt noch immer so viele Tränen geweint werden müssen, noch immer so viel Blut gewaltsam vergossen wird, noch immer die Würde so vieler Menschen verletzt und geschändet wird.“ Auch nach fast zweitausend Jahren Kirchengeschichte warteten wir darauf, »dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, dass Treue auf Erden wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue«.

Prof. Dr. Eckhard Freyer, Bonn/Merseburg
Rz-Farhat-Naser-Freyer, 30.12.13

Sonntag, 29. Dezember 2013

Die Arabische Welt im Umbruch



Marcel Pott : Der Kampf um die arabische Seele.
Der steinige Weg zur islamischen Demokratie.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 208 S. (mit einem kleinen Islam-Glossar, S. 194), zugleich bpb Schriftenreihe Bd. 1359
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-- ISBN: 978-3-462-04407-2 ---
Der Journalist und Autor Marcel Pott hat sich als Nahost-Experte durch seine Recherchen, Dokumentationen und Veröffentlichungen als kompetenter Berichterstatter und Kommentator erwiesen. Er schreibt: "Der arabische Frühling war kurz, doch er hat viele Fragen aufgeworfen, auf die es noch keine Antworten gibt."
Für den Verfasser entscheidet sich vor allem in Ägypten mit 85 Millionen Menschen, das Ursprungsland der Muslimbruderschaft (S. 62 ff), wohin die Reise der arabischen Völker in der Zukunft geht.

Für den Verfasser entscheidet sich vor allem in Ägypten mit 85 Millionen Menschen, das Ursprungsland der Muslimbruderschaft (S. 62 ff), wohin die Reise der arabischen Völker in der Zukunft geht. Besonders interessant sind bereits seine Bemerkungen zu Heliopolis, wo Macht und Reichtum aufeinandertreffen (S. 13).
Analysen der ägyptischen nach-revolutionären Gesellschaft und Politik bis zur Präsidentschaftswahl in Ägypten im Juli 2012 und Konflikte zwischen säkularen und religiösen Kräften und die Rolle des Militärs sind auch nach dem Sturz des Präsidenten Mohammed Mursi relevant. Dazu blickt er in diesem Buch auf Entwicklungen in Libyen und Syrien, in Tunesien. Könnte letzteres ein Musterbeispiel für eine islamische Demokratie (S. 122 ff.) und damit Modell der gesamten arabischen Welt sein? Denn vom Atlantik bis zum Arabischen Meer ist die arabische Welt im Umbruch (S. 136 ff.).
Nun will offensichtlich Saudi-Arabien eine Union der Monarchien (S. 149), und Libyen bleibt ein Sonderfall (S.154).
Ganz aktuell ist das Kapitel: Die syrische Tragödie: Freiheitskampf oder Religionskrieg (S.162 ff.): Die Machthaber um Assad bilden immer noch einen Machtfaktor, von oppositionellen Gruppen (insbesondere islamisch und islamistisch orientierten) bedrängt. Zusätzlich wirken die auswärtigen Mächte hinein, und zwar durch die gegensätzlichen Interessen von Saudi-Arabien und dem Iran, verstärkt durch den Machtkampf zwischen den USA und Russland im Blick auf die Einflussnahme im Nahen Osten.
Der Kampf um die arabische Seele und eine neue soziokulturelle Identität sowie eine Neubestimmung des politischen Islams beginnt. Die Entwicklungen zu einem demokratischeren System erscheinen fraglich. Wahrscheinlich werden die Unruhen noch länger andauern.
Das Buch ist generell ein neutraler und gut lesbarer Einstieg in die Entwicklungen im arabischen Raum seit 2011.
Prof. Dr. Eckhard Freyer, Hochschule Merseburg

Rz-Pott-arab-Seele-Freyer, 29.12.13

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Scharia - menschenfreundliche Lebensorientierung



Mouhanad Khorchide: Scharia – der missverstandene Gott.
Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik.

Freiburg u.a: Herder 2013, 232 S.
--- ISBN 978-3-451-30911-3 ---


Ausführliche Beschreibung
Nachdem das Buch des Münsteraner Islamprofessors und Religionslehrerausbilders Mouhanad Khorchide, „Islam ist Barmherzigkeit“ (Rezension: hier) nicht nur den scharfen Widerspruch traditionalistischer Kreise, sondern auch ein Gegengutachten des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM) hervorgerufen hat, kann man dieses zweite Buch als Fortsetzungsband verstehen, der ebenfalls nicht unwidersprochen geblieben ist. Nun verwundert dies allerdings umso mehr, weil Khorchide an den Quellen und mit Hilfe der islamischen Kommentatoren klare belegbare Unterscheieungen trifft – zwar zwischen der Scharia als Weg zu Gott (wörtlich: „Weg zur Wasserquelle oder zur Tränke“) und den juristischen Normgebungen von der Lebenswirklichkeit her. Die Normen sind durch unterschiedliche Verbindlichkeiten geprägt wie Pflicht, Empfehlung, Verpöntes, Erlaubtes (S. 123). Davon muss man die daraus zu entwerfenden Rechtssetzungen unterscheiden.


All dies entwickelt Khorchide auf der Basis der fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Fasten im Monat Ramadan, verpflichtende Sozialabgabe, Pilgerfahrt nach Mekka. Daraus leitet sich der Glaube an einen gnädigen Gott ab (113 Suren haben bereits als Überschrift: Im Namen Gottes des Gnädigen und Barmherzigen!). Ebenso gehören zum islamischen Glaubensmuster die Engel. Sie sind Medien […], die das Unbedingte (Gott) mit dem Bedingten (Mensch), das Absolute mit dem Relativen verbinden“ (S. 61). Hinzu kommen der Glaube an die Schriften, zu denen nicht nur der Koran gehört, weiterhin der Glaube an die Propheten, das göttliche bestimmte Schicksal und an die Wiederauferstehung.

Knapp und übersichtlich beschreibt der Autor darum die vier Quellen der sunnitisch-islamischen Normen-Lehre. Es sind Koran, Sunna (Hadithe), Konsens (Idschma) und Analogieschluss (Qiyas). Diese Normen sind allerdings nicht ohne weiteres im Koran zu finden, sondern müssen hermeneutisch erarbeitet werden (S. 85f). Die mittelbaren Textableitungen werden Idschtihad genannt.
Die geschichtliche Entwicklung in der islamischen Welt lief dabei nicht unproblematisch ab: „Indem die Gelehrten darum bemüht waren, Regelungen für weite Bereiche des Lebens genauestens festzulegen, wurde aus dem Islam mit der Zeit eine >Gesetzesreligion<. Durch die Suche nach dem Grund bzw. dem Anlass einer Norm geriet der Mensch jenseits des Zwecks noch mehr aus dem Blickfeld“ (S. 139). Khorchide möchte jedoch den Menschen in der Beziehung zu Gottes Weisungen in den Mittelpunkt stellen. Sein Verfahren dabei ist ein überprüfbares, hermeneutisches, am Koran und an der Sunna orientiert. Die Fragen, was im Einzelnen erlaubt oder verboten ist, – beispielsweise im Blick auf die Nahrung oder das äußerliche Auftreten – erweisen sich als sekundär, weil es darum geht, dass Scharia im Sinne des Weges zu Gott als Weg des Herzens verstanden wird: „Dieser Weg besteht aus drei Pfeilern: der Überwindung des eigenen Egos, dem selbstlosen Einsatz für das Gute und der Fähigkeit des Herzens, Gottes Liebe zu erfahren. Die reine Absicht ist die gemeinsame Basis dieser drei Pfeiler … Wenn die Absicht rein ist, dann fragt der Mensch nicht nach Eigennutz seiner Handlung … sondern er fragt danach, ob diese Handlung gut ist oder nicht, und dann tut er sie, weil sie gut ist. Der Koran bezeichnet diese reine Absicht als den Weg Gottes „fi sabilillah<“ (S. 201). Damit wird ebenso deutlich, dass Khorchide die religiösen Rituale keineswegs ablehnt, ja er hält sie für wichtig und sinnvoll. Er möchte jedoch vermeiden, dass sich die Religiosität des Herzens über Äußerlichkeiten und die strenge Befolgung bestimmter Riten ausschließlich definiert, als könne man sich durch das Einhalten von Riten den himmlischen Lohn erwerben.

Von daher verwundert es nicht, dass sich Khorchide gegen die salafistischen Prediger wendet, die den Koran als Mittel zur teilweise gewaltsamen Durchsetzung ihres Islam-Verständnisses nutzen wollen. Dass ausgegrenzte Jugendliche in diesem Fundamentalismus einen Hoffnungsschimmer sehen, sollte die Gesellschaft allerdings höchst aufmerksam machen. Und der sich abgrenzende Wahabismus, wie er bis heute in Saudi-Arabien staatstragend ist, zeichnet sich nicht nur nach Khorchide durch seine unreflektierte Denkweise und Intoleranz gegenüber anders Denkenden aus. Hier wird Gott gründlich missverstanden. Und dies trifft z.B. den Sufismus mit voller Härte, aber auch andere Reform orientierte Muslime und natürlich alle Nicht-Muslime.

Khorchides Koranauslegung ist nicht von Beliebigkeit, sondern von hermeneutischer Offenheit geprägt, bezogen auf die genannten Auslegungsquellen. Damit ist auch keineswegs etwas gegen Fatwas der Gelehrten (Rechtsgutachten) gesagt. Sie legen nur eine bestimmte Sicht in einer jeweiligen Situation theologisch und juristisch begründet dar und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, bieten aber keine dogmatische oder ethische Weisung. Darum ist Khorchides Buch selbst auch keine Fatwa, sondern will vielmehr „eine Perspektive zeigen, wie man Scharia jenseits einer dogmatischen und juristischen Auffassung verstehen kann, um der islamischen Botschaft möglichst gerecht zu werden. Im Zentrum dieser Perspektive steht der Gedanke, dass es Gott um den Menschen selbst geht“ (S. 229f).


Bereits in dem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ hatte Khorchide aus dem Koran dieses Verständnis eines barmherzigen Gottes entwickelt, dessen Liebe mit der Freiheit des Menschen korreliert und damit den Gedanken des Strafgerichts in den unmittelbaren Folgezusammenhang des menschlichen Tuns bringt, m.a.W. der Mensch zieht durch sein böses Tun das Unheil selbst auf sich herab. Dazu braucht man keinen Angst machenden Gott. Vgl. die Rezension: http://buchvorstellungen.blogspot.de/search?q=Khorchide

In leicht verständlicher Sprache gelingt es Khorchide aus meiner Sicht, die scheinbar unüberwindbaren Vorurteile über die Scharia zu korrigieren. Von einer Bedrohung westlich-demokratischer Rechtsverständnisse kann angesichts eines „Lebensmodells Scharia“ wohl nicht mehr die Rede sein. Der Verfasser liegt damit auf der Linie des Rechts- und Islamwissenschaftlers Mathias Rohe, der in „Das Islamische Recht. Geschichte und Gegenwart“ (München: C:H. Beck 2009) auf Folgendes aufmerksam gemacht hat: „Auch traditioneller argumentierende [= islamische] Gelehrte unterscheiden zwischen Scharia als dem von Gott und dem Propheten bereiteten Weg einerseits und dem fiqh als menschliches Konstrukt. Insoweit wird zumindest die unmittelbare Herkunft der gefundenen rechtlichen Normen bzw. ihrer Auslegung bestritten“ (S. 12).

Es geht Khorchide immer wieder um die aufrichtige persönliche Beziehung zu Gott. Dafür dienen Koran und Sunna als Orientierung, die theologische Hermeneutik als aktualisierende Verstehensmöglichkeit und nicht, um Auslegungen endgültig zeitlos zu fixieren. Die Scharia bildet den Rahmen, in den das islamische Recht in seinen unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen und zeitlichen Bedingungen jeweils eingefügt und natürlich auch verändert wird. Das sind wichtige Klarstellungen, die verhindern, dass göttliche Setzungen einfach (absolut) behauptet werden. Vielmehr werden angesichts sich ändernden gesellschaftlicher Verhältnisse im Auslegungsdiskurs von Koran und Sunna immer wieder Prüfungen und Revisionen notwendig, die das komplexe islamische Recht betreffen. Hier entsteht durchaus eine gewisse Konvergenz zu den Hermeneutiken in der christlichen Theologie, mehr noch: Mit diesem Buch ist ein weiterer wichtiger Baustein für den christlich-islamischen Dialog gelegt worden.

Reinhard Kirste
Rz-Khorchide-Scharia, 26.12.13

Montag, 16. Dezember 2013

Die Trinitätslehre im christlich-islamischen Dialog



Muna Tatari / Klaus von Stosch (Hg.):
Trinität – Anstoß für das christlich islamische Gespräch
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Beiträge zur Komparativen Theologie Band 7. 
Paderborn u.a.: Schöningh 2013, 268 S., Personenregister --- ISBN 978-3-506-77538-2 ---

Kurze Übersicht: hier

Ausführliche Beschreibung
In der Begegnung zwischen Christentum und Islam scheint die christliche Trinitätslehre eine beachtliche Hemmschwelle für die islamische-christliche Annäherung zu sein. In der Dreieinigkeit/Dreifaltigkeit findet eine besondere Ausdifferenzierung des christlichen Gottesverständnisses statt, die es so im Neuen Testament noch nicht gab. Erst die griechische Philosophie machte solche „Ausfaltungen“ möglich, die scheinbar/anscheinend unabdingbar für den christlichen Gottesglauben sind. Aber wo liegen genau die Stolpersteine und wo sind die Begegnungsfelder einer streng monotheistischen und einer differenziert weiter entwickelten monotheistischen Gotteslehre?


Klaus von Stosch, Leiter des Zentrums für Komparative Theologie der Universität Paderborn, und die Institutsmitarbeiterin Muna Tatari haben sich diesen dogmatisch heiklen Fragen gestellt. Sie haben neben ihren eigenen Positionen kompetente Fachleute beider Religionen eingeladen, damit Anstöße und Annäherungen im Gottesverständnis deutlich werden. Plurale Denkmöglichkeiten spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Wenn man also die „Aufgefaltetheit“ des christlichen Gottesglaubens vergleichend in die Religionen übergreifende Debatte einbringt, erhebt sich die Frage: Welchen Gewinn hat davon der christlich-islamische Dialog?
Daher ist es sinnvoll, im 1. Teil aktuelle trinitätstheologische Modelle auf ihre Dialogfähigkeit abzuklopfen. Das gelingt Thomas Schärtl (Universität Augsburg) dadurch, dass er die Lesenden nötigt, diejenigen trinitarischen Positionen mitzudenken, deren wirkungsgeschichtlicher Gehalt die Theologiegeschichte geprägt hat. Auch ostkirchliche Theologen (wie die drei großen Kappadokier) müssen hier gehört werden. Das kostet allerdings einige Lesemühe! So führt Schärtle vor, wie letztlich der klassische Theismus des Thomas von Aquin durch Karl Rahner und Friedrich Schleiermacher gebrochen wird – verkürzt gesagt: Von Gott kann nur im Verhältnis zur Welt geredet werden. Der Autor überlegt schließlich, ob und wie man sich auf drei „Personen“, drei Freiheiten oder drei Instanzen Gottes einlassen kann und dennoch die Einheit Gottes nicht aufgibt. Für den Dialog bleibt dann die Frage, wie Gott in den Weisen seines Handelns, obwohl er der ganz Andere ist, dennoch anwesend erfahren wird (S. 68). Dass solche trinitätstheologischen Modelle aus islamischer Sicht nicht unwidersprochen bleiben, liegt auf der Hand. Gott bleibt für Hureyre Kam (Universität Frankfurt/M.) ein unzugängliches Geheimnis. Allerdings lässt sich von den Attributen Gottes her  dieser durchaus als „Leben“ denken. Im Streit um die Trinitätslehre sieht dann Bernhard Nitsche (Universität Freiburg/Br.) trotz einer Reihe von misslungenen (auch tritheistisch verdächtigen) Systematisierungsversuchen Chancen der Annäherung. Hebt man die Erfahrung die Relationalität in den Gottesaussagen hervor, lassen sich „unterschiedliche Qualitäten und Bestimmtheiten der Präsenz Gottes in der Geschichte denken“, die man dann „präzise ausbuchstabieren kann“ (S. 125). Auch hier erfolgt natürlich Einspruch, und zwar durch die Mitherausgeberin Muna Tatri. Sie verweist auf die islamische Zurückhaltung, überhaupt Aussagen über das Wesen Gottes zu machen. Immerhin – die mittelbare Begegnung mit Gott im Koran ist zwar die wesentliche, jedoch nicht die einzige Möglichkeit der Gottesbegegnung. Die göttliche Kommunikation äußert sich auch im Kontext von Erde und Mensch (S. 147), was das im Blick auf Gott als Gegenüber personal und wesensmäßig auch immer bedeuten mag.
Diese nicht leicht nachvollziehbaren Diskurse dienen erst einmal zur vorläufigen Festschreibung trinitätstheologischer Aussagen, deren spekulativer Charakter – selbst bei korrelativen Denkmustern – immer wieder durchscheint. Man wird jedoch neugierig gemacht, wie denn angesichts der islamischen Vorgaben im 2. Teil des Buches die Einheit und Vielfalt in Gott zu denken sei. Man ahnt es bereits: Hier erfolgt eine Abgrenzung von einer eng geführten irgendwie noch zu formulierenden „personalen“ Trinität. Mouhanad Khorchide (Universität Münster) zeigt, „dass die im Islam gedachten innergöttlichen Verschiedenheiten als verschiedene Eigenschaften Gottes gesehen werden und nicht als >Personen<, die zueinander stehen“ (S. 157), m.a.W. Khorchide macht im Rahmen von Schöpfung und (geoffenbarter) Barmherzigkeit Gottes deutlich, dass es im Grunde nur ein korrelatives Annäherungsverstehen zum „wesentlichen“ Tun Gottes gibt. Aaron Langenfeld (Köln) begrüßt in seiner Antwort zunächst die Überlegungen von Mouhanad Khorchide, von der Differenziertheit Gottes zu sprechen. Er sieht sie jedoch recht unverbunden mit der Wirklichkeit des religiösen Vollzugs (S. 167). Langenfeld stört weiterhin, dass Khorchide die wesenhafte Liebe Gottes von seiner Barmherzigkeit abhängig macht. Hier muss offensichtlich noch weitergedacht werden. Auch Ayatollah Ghaemmaghami (Hamburg) geht auf die Einheit und Vielfalt im Gottesgedanken ein und damit auch auf die Problematik von Monotheismus und Trinität. Letztlich geht es immer um die Personalität des göttlichen Seins und um die Personalität der daraus erwachsenden vielfältigen Manifestationen des göttlichen Seins, durch die weltliche Vielfalt entsteht (S. 181.183). Dieses pyramidale Beziehungsmuster (taskik), erlaubt es auch der islamischen Seite, sich dem christlichen Dreifaltigkeitsverständnis anzunähern. Dass hier neuplatonische Ansätze wirksam werden, kritisiert zwar Katharina Lammers (Paderborn) – übrigens auch für das Christentum – um dann im Weiterdenken der coincidentia oppositorum des Nikolaus von Kues die Grenzen jeglicher Gottesbeschreibung Religionen übergreifend zu respektieren. So zeigt sich immer wieder in den Beiträgen, dass Wesensbeschreibung und Attribute Gottes in einem schwierigen Verhältnis zu denken sind. Darauf macht Seyed Mohammad Nasser Taghavi aufmerksam, indem er Gott angesichts der Bedeutung des Gebets nur als Person verstehen kann.
Der letzte und kürzeste 3. Teil nimmt die im 2. Teil angesprochenen Verhältnisbestimmungen und Wesensbeschreibungen unter den Stichworten Beziehungswilligkeit und Beziehungsmächtigekeit Gottes“ auf. Jürgen Werbick (Universität Münster) tritt der Sorge entgegen, als würde der christlich-trinitarische Gottesglaube zur Disposition gestellt und sieht in der Relationalität der Beziehung Gott – Mensch, dass Gott in Christus menschlich zugänglich ist und so von ihm auch zu sprechen ist. Die Transzendenz Gottes wird dadurch keineswegs geleugnet. Zugleich wird jedoch in der trinitarischen Rede immer vom Menschen gesprochen, besonders wenn sich der Mensch im Gebet auf Gott als Geheimnis einlässt. Das kann als Anfrage an die islamische Jesus-Vorstellung verstanden werden. Der Psychologe Cemil Şahinöz (Gütersloh) möchte gegenüber Werbick verhindern, dass der für die gesamte menschliche Heilsgeschichte bedeutsame Jesus auf das Christentum eingegrenzt wird. Dies geschieht nämlich durch die trinitarische Engführung mit Jesus als zweiter „Person“ der Gottheit. Außerdem wird durch die Inkarnation Gott in Jesus „geschöpflich“.
In der Zwischenbilanz versucht der Mitherausgeber Klaus von Stosch, die verschiedenen Trinitätslehren zu klassifizieren: Soziale Trinitätslehren bringen „drei Subjekte, Freiheiten und/oder Selbstbewusstseinen in Gott“ zur Sprache (S. 239), eine durchaus innertrinitarische Ausdrucksform, die noch nicht einmal analog zu denken sei. Demgegenüber steht eine semiotische Trinitätslehre im Sinne von drei Dimensionen des göttlichen Selbstbewusstseins, menschliche Zeichenbildungsprozesse, die auf Gott übertragen werden. Beide Typen kritisiert der Autor als nicht angemessen. Er lässt sich darum auf die „interpersonale“ analog ausgerichtete Trintätstheologie“ Jürgen Werbicks ein. Denn sie kann man im Sinne der lebendigen Einheit Gottes und zugleich heilsgeschichtlich verstehen.
Bilanz
Es kann hier nur angemerkt werden, dass die christlichen Trinitätslehren gerade für den christlich-islamischen Dialog viele Fragen selbst dann heraufbeschwören, wenn von islamischer Seite Annäherungsversuche gemacht werden. Blickt man auf das vorliegende Buch insgesamt, so scheint selbst die Gefahr noch nicht ganz gebannt zu sein, dass Trinitätslehren tritheistisch „abrutschen“. Hinzu kommt, dass bei aller Bemühung mittelalterlicher und gegenwärtiger Dogmatiker die Kompliziertheit der Korrelationen Gott –Jesus – Mensch generell schwer zu vermitteln bleibt. Hier wollen die Autoren weiterkommen. Dennoch muss man fragen, ob etwa die menschlichen Zusprechungen Gottes als Geheimnis, Liebe oder im Rahmen eines schwer zu klärenden Personenbegriffs nicht mehr als Signale sind, das Geheimnis Gottes zu betonen. Offensichtlich können alle Trinitätstheologien nur als den Glauben vertiefende (Denk-)Modelle dienen. Ihre Revision unter veränderten gesellschaftlichen und religiösen Umständen bleibt eine kontinuierliche und wichtige Aufgabe.

Reinhard Kirste

Rz-Tatari-Stosch-Trinität, 16.12.13