Montag, 4. Mai 2020

Guillaume Calafat: Das Mittelmeer im Horizont von Macht, Neid, Rivalität und Eifersucht (aktualisiert)


Guillaume Calafat:
Une mer jalousée
Contribution à l'histoire de la souveraineté
(Méditerranée, XVIIe siècle)


Ein Meer - eifersüchtig betrachtet.
Ein Beitrag zur Geschichte der staatlichen Macht im 17. Jahrhundert

Paris: Seuil 2019, 453 pp., illustr., index   --- ISBN 978-2021379365 ---



--- Interreligiöse Bibliothek (IRB):
     Buch des Monats Oktober 2019

Der Historiker Guillaume Calafat von der Universität Paris 1: Sorbonne-Panthéon löst mit dem Titel seines Buches (deutsch etwa: Ein Meer – eifersüchtig betrachtet) zuerst eine gewisse Irritation aus. Dann ahnt man, was wohl mit dieser Eifersucht gemeint sein kann: Die Mittelmeerregion wurde und wird von vielen Völkern bewohnt. Damit verbanden und verbinden sich kontinuierlich Machtansprüche, Konflikte, Neid und Rivalitäten, weil es bei den Anrainern um Vorherrschaft, Wohlstand und Reichtum geht. Welche rechtlichen Bedingungen müssen dafür geschaffen werden? Und was ist mit denjenigen, die sich benachteiligt sahen und sehen?
So geht es in diesem Buch um geografische Markierungen und Konzepte im Sinne von juristischen Setzungen und den Versuchen ihrer Durchsetzung.

Mir scheint, dass sich Calafat konzeptuell auf den Philosophen Réné Girard bezieht. Nach dessen mimetischer Theorie sind Neid und Eifersucht Elemente in der Dynamik des menschlichen Begehrens. Dass das eifersüchtige Gefühl aufrecht erhalten bleibt, ergibt sich aus der Tatsache der Bedrohung, die ein Rivale darstellt. Damit wird der Wert und die Faszination des Objekts durch die Rivalität – in diesem Falle das Mittelmeer – noch verstärkt.
Vgl.: https://buchvorstellungen.blogspot.com/2019/01/wieder-im-blickfeld-rene-girard-neid.html
Bereits das Römische Weltreich deklarierte das Mittelmeer als Mare Nostrum. Sowohl die römische Republik als auch die Kaiser haben ein Seerecht entwickelt, mit dem man durch militärischen Druck und geschickte Diplomatie auch die nicht-römischen Bürger und Vasallen einbezog. Dadurch genossen diese Vorzüge und die Handelsschifffahrt funktionierte einigermaßen profitabel zugunsten Roms.
Calafat setzt den Schwerpunkt seiner Darstellung auf das 17. Jahrhundert und zeigt orientierend in der Einleitung, wie sich seit der Römerzeit die Gesetzgebung bewusst nicht verfestigt hat. Sie ist „flüssig“ und verzweigt sich in verschiedene Richtungen. Sie passt sich damit geschickt den jeweiligen politischen Gegebenheiten an bzw. ermöglicht politische Ziele in diesem juristischen Rahmen voranzutreiben. Dazu berücksichtigt der Autor zahlreiche mittelalterliche Rechtskommentare. Wegweisend wird hier der italienische Rechtsgelehrte Bartolus de Saxoferrato, kurz: Bartole (1313-1356) mit seinem Verständnis von imperialem Eigentum und Überlassung von Zuständigkeiten
(S. 44ff).
Dabei kommen die Konflikt-Mechanismen zur Sprache, die die politischen Administrationen besonders u.a. von Venedig, Genua und Marseille nötigte, ihre Interessen geleitete „See-Gerichtsbarkeit“ erst zu formulieren und dann möglichst durchzusetzen.
Calafat geht darum im 1. Kapitel auf die „theoretischen Waffen des „Kampfes der Bücher“ ein. Dazu bezieht er sichr ausführlich auf den berühmten Rechtsgelehrten, Philosophen und Theologen Hugo Grotius (1583–1645). Er kann in diesem Kontext zeigen, wie weiterhin das römische Rechtsverständnis im Horizont von „Mare nostrum, mare clausum“ die jeweilige Gesetzgebung der um Vorherrschaft ringenden (See-)Mächte imperial orientiert bestimmt. Immerhin ermöglichen rechtliche Festlegungen, im begrenzten Rahmen die Freiheit der Seefahrt einerseits und die Absicherung der Machtpositionen der Häfen andererseits zu gewährleisten.
Es ist für den Rezensenten nicht möglich, die systematisch klare, und durch viele Details präsentierte Geschichte des Mittelmeers im 17. Jahrhundert im Einzelnen nachzuzeichnen. Calafat sieht hier nämlich eine Art Schlüsselepoche, die nun weiter veranschaulicht wird – verbunden mit dem Einblick in viele zeitgenössische Dokumente:
2./3. Kapitel: Der Kampf von Venedig um die Anerkennung und Sicherung der Souveränität über das Mittelmeer war natürlich ständig durch die Machtinteressen der Konkurrenten bedroht. Die Seerepublik verband sich darum mit England und bemühte sich, die Adria als res nullius (= als eine Sache, die keinem gehört) und damit venezianisches Eigentum zu deklarieren. Nur musste dieses Hoheitsgebiet gegen die osmanischen Bedrohung gesichert werden. In diesen politischen Zusammenhängen spielen die Historiker Paola Sarpi und John Selden, der Autor des „Mare Clausum“ (1635) sowie der Jurist Giacomo Chizzola als „Chefideologen“ eine wichtige Rolle. Das drückt sich auch in den geografischen Bezeichnungen aus – je nachdem ob man von der Adria oder dem Golf von Venedig spricht ... (vgl. S. 165).
In der Reihe der Rivalen ist der Anspruch der Republik Genua – 4. Kapitel – nicht zu übersehen, denn auch diese Hafenstadt wollte die See-Souveränität im Mittelmeer gewinnen. Mit dem Genueser Pietro Battista Borghi wurde nun ein mare clausum im Ligurischen Meer deklariert. Allerdings war Genua gegenüber Venedig in einer konfliktreicheren Situation und versuchte darum eine generell stärkere neutrale Position aufzubauen.
Es liegt auf der Hand, dass in einem solchen „Meer von Eifersucht“ Profit und Wohlstand durch die politischen und wirtschaftlichen Handelsmächte gewinnbringend organisiert werden mussten, und zwar in der Balance von Seemaut, Zöllen und Meeresfreiheit, so Calafat im 5. Kapitel. Die Spannungen waren vielfältig: Genua sah sich genötigt, zusammen mit den italienischen Stadt- und Seestädten auf den zunehmenden Einfluss Englands zu reagieren, das in Verbindung mit den Niederländern stand. Den Niedergang der Habsburgischen Macht in Spanien nutzte Frankreich zur Unterstützung Portugals. Frankreich war außerdem im Streit mit Savoyen wegen des zunehmenden Einflusses von Villefranche (= Freistadt!). Schließlich nötigte die Mittelmeerpräsenz des Osmanischen Reiches die Hafenstädten dringend zu rechtlichen Abstimmungen und Klärungen (ausführlich im Schwerpunkt
„Freihäfen“:
8. Kapitel).
Einen entscheidenden Faktor hatte Calafat bisher nur gestreift, um diesen nun ausführlich im 6. Kapitel: Das Mittelmeer der Osmanen zu verdeutlichen: Es wird als "Weißes Meer" in Anspruch genommen. Hier drückt sich das Rechtsverständnis als einer osmanischen „Territorial“-Provinz aus, ebenso wie das Schwarze Meer und das Rote Meer (formal noch mit dem Indischen Ozean). Die „Hohe Pforte“ verstand sich als Souverän über diese Gebiete. Im Blick auf das Mittelmeer kam hinzu, dass es gelungen war, die venezianische Herrschaft erheblich einzugrenzen. Eine Schlüsselstellung spielte dabei die Macht und Gerichtsbarkeit des kapudanischen Paschas, also des osmanischen Flotten-Oberbefehlshabers. Lebenswichtig schließlich war für die Osmanen die Sicherung der Versorgung ihrer Hauptstadt Istanbul. Im Zusammenhang der Schlacht vor dem mazedonischen Kassandria 1633 und weiteren militärischen Konflikten hatten nicht nur Venedig und die Seestädte, sondern auch England vorerst das Nachsehen.
Damit wird auch klar, wo die islamisch-christlichen Frontlinien verliefen. Das 7. Kapitel verdeutlicht, dass es hier um ein Wettrennen der beteiligten christlichen Herrscher gegenüber dem islamischen Osmanischen Reich ging. Dies war kaum eine religiöse Auseinandersetzung, sondern schlichtweg der Anspruch, die Seeherrschaft im Mittelmeer durchzusetzen und juristisch abzusichern. Militäraktionen quasi als Heiligen Krieg zu deklarieren geriet in Spannung zur Handelsdiplomatie. Die christlichen Souveräne von Malta bis Venedig mussten sich unter Umständen wegen eines günstigeren politischen Status mit den „Ungläubigen“ irgendwie arrangieren. Die Hauptakteure waren dabei Venedig, und das sog. maltesische Korso, eine Kriegsflotte des Malteserordens, die sich quasi als Polizei des Mittelmeers verstand, um die Piraterie einzudämmen. Dabei ließ sich zugleich der eigene Souveränitätsanspruch über das Mittelmeer verdeutlichen. Ähnlich den Engländern, Venezianern und Osmanen forderten sie für die anderen Schiffe auf dem Mittelmeer eine formale Unterwerfung, zumal sonst ja ein militärischer Konflikt drohte. Aber es war zu schwierig, das gesamte Mittelmeer unter die Kontrolle eines „Staates“ zu bringen, darum wurden bestimmte Bereiche des Meeres, „geschützte Domänen“, militärisch und durch Festungsbauten so abgesichert, dass Angriffe auf die wichtigen Häfen abgewehrt werden konnten. Das ausdrucksstärkste Beispiel dafür ist das maltesische Valetta.
Die Seestädte, allen voran Venedig, bauten von daher auch die Küstenüberwachung aus. Der „Serenissima“ gelang es dabei trotz aller Verluste diplomatisch und militärisch geschickt einigermaßen entscheidenden Einfluss zu behalten. Das gilt auch für die Friedens- und Handelsabkommen mit dem osmanischen Nordafrika.
8. Kapitel: Die Institution der "Freihäfen" entwickelte sich aus der Ambivalenz von Souveränitätsansprüchen und ihrer gewaltsamen Durchsetzung einerseits und der Möglichkeit andererseits, unter anderer Flagge fahrende Schiffe im eigenen Hafen Sicherheit zu gewähren. Entsprechend mussten die Jurisdiktion sowie konkrete Gerichtsanordnungen ausgearbeitet werden: Ein „freier Hafen“ war ein Handelsplatz, an dem die Herkunft der Handelsschiffe keine Rolle spielte. Kaufleute wurden ohne Ansehen der Ethnie, der Religion akzeptiert und konntn relativ ungestört ihren Geschäften nachgehen, ja unterhielten in der fremden Domäne sogar eigene Büros.
Ein Beispiel: Die Genueser kämpften nicht nur gegen Livorno als Freihafen und als „neutrale Stadt“. Sie nahmen auch die Bedrohung durch Nizza und Villefranche während der savoyardischen Reform von 1613 sehr ernst. Was den Gewinn des Freihafens von Livorno betrifft, so weist das Edikt zur Gründung der Franchise, also der freien Handelspartnerschaft von Nizza und Villefranche, sehr weitreichende Zollgrenzen auf. Das Ziel war, den piemontesischen Zugangsbereich zum Ligurischen Meer im Sinne eines Knotenpunkts für Waren aus Nordeuropa und der Levante festzuschreiben. Die Republik Genua war quasi in der Zwickmühle von Villefranche und Livorno, verstand sich jedoch nicht nur als Freihafen, sondern „ihren“ Golf von Genua als große Freihandelszone, und zwar für alle Waren, die in den Häfen jenseits der Straße von Gibraltar im Westen, des Maghreb im Süden und des Golfs von Venedig im Osten geladen wurden. Binnen kurzem wurde diese Freihandelszone weiter ausgeweitet, sehr zum Ärger besonders von Marseille, das dagegen vorzugehen versuchte
(S. 350–359).
Folgerung (Schlusskapitel):
Die Mittelmeer-Ordnung (nomos) oder die juristische Erfindung eines Meeres
Calafat hat in seinem Buch gezeigt, wie das Mittelmeer juristisch gewissermaßen in einzelne Stücke zerlegt wurde und ein entsprechender kämpferische Wettbewerb durch handschriftliche und gedruckte Grundsatzentscheide und Verordnungen für die nötige juristische Absicherung sorgte bzw. sorgen sollte. Auf den entsprechenden Land- und Seekarten konnten diese juristischen Vorstellungen geografisch aufgezeichnet, aber weder politisch noch militärisch immer durchgesetzt werden. Die dem Buch beigefügten historischen Karten (leider in einem schlechten Druckbild und schwarz-weiß) dokumentieren diese Situation. Sie zeichnen für das 17. Jahrhundert die Fragmentierung der gesamten Mittelmeerregion mit ihren Küstenstaaten nach. Das Mittelmeer stellt bei der Betrachtung aus unterschiedlichen Positionen ein regelrechtes „Observatorium der maritimen Machtverhältnisse“ dar (S. 367), und zwar von Spanien/Portugal bis zum Osmanischen Reich, von Venedig bis zur osmanischen Provinz vom Algier. Gegenüber den Regionalmächten des Mittemeers traten aber die sich als Weltmächte verstehenden Staaten wir Großbritannien, Frankreich, Russland, die Niederlande, Österreich (Habsburg) und das Osmanische Reich immer stärker als „global players“ auf. Das zeigt sich dann noch deutlicher im 18. und 19. Jahrhundert: Die Gesetzeslage (nomos) eines Meeres im Horizont von Eifersucht, Gier, Machtanspruch und Durchsetzungsversuchen von Souveränität wird zum Kampf um die (Vor-)Herrschaft und zum Feld kolonialer Expansion und Gewalt (S. 367).
Zusammenfassung: Wem gehört das Mittelmeer? Machtansprüche und Rivalitäten
Dem französischen Historiker Guillaume Calafat (Universität Sorbonne-Panthéon, Paris ) gelingt es mit diesem Buch – Das Mittelmeer – mit Eifersucht betrachtet – zu zeigen, wie diese Region Konflikt- und Kooperationsgeschichte gemacht hat: Von der Adria bis zu den Küsten der Levante, vom Golf von Lyon und bis nach Nordafrika beschreibt diese Studie geradezu minutiös das breite Spektrum konkurrierender Konzepte von Seegrenzen und "territorialen" Gewässern als Eigentum des jeweiligen (Stadt)-Staates. Die Geschichte spielt sich konkret nicht nur in den Häfen, sondern auch in den Anwaltskanzleien und bei den Flottenbefehlshabern ab. Die wichtigsten Rechtsvorstellungen des modernen politischen Denkens kreisen dabei um die Begriffe „Besitz“, "Eigentum", „Souveränität“ und natürlich auch um Handels- und Kriegsflotten. Auffällig ist dabei, dass bei den politisch Mächtigen in den Anrainerstaaten und den Seestädten der ethnische Hintergrund oder die religiösen Glaubensvorstellungen ihrer oft gefährlichen Konflikt- und Kooperationspartner kaum eine Rolle spielten. Vorherrschende politische Ziele waren die Ausweitung der Souveränität über das Mittelmeer, die Vermehrung von Eigentum und der wirtschaftliche Gewinn. Die in den Museen aufbewahrten juristischen Texte, die Land- und Seekarten, die (philosophischen) Abhandlungen, die politischen Pamphlete und Protestschreiben signalisieren dabei, wie dieses Meer in seinem Rechtsstatus höchst umstritten war. Deshalb bleibt dieses Meer unsicher.
Die Rivalitätsgeschichte des Mittelmeers im 17. Jahrhundert bildet quasi die Folie für die Mittelmeer-Konflikte in der Zeit des Kolonialismus des 18.-20. Jahrhunderts und bis in die postkoloniale Gegenwart. Calafat hat eine spannende Geschichte dieses Meeres zwischen Europa, Afrika und Asien geliefert. Heutige Politiker müssten angesichts solcher lähmenden Zersplitterungen höchst nachdenklich werden.


Weltkarte des 17. Jahrhunderts - Ausschnitt Mittelmeerraum (wikipedia)

Weiteres zum Thema:

  • David Abulafia: The Great Sea - A Human History of the Mediterranean
    Oxford University Press 2011 - Taschenbuch 2013, 783 pp.
    Inhaltsverzeichnis und Leseprobe >>>
    --- Deutsche Ausgabe: Das Mittelmeer. Eine Biografie
         Frankfurt/M.: Fischer 2014, 2. Aufl., 2014, 960 S.
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  • Africa – Ifriqiya
    Continuity and Change in
    North Africa
    from the Byzantine to the
    Early Islamic Age. Papers of a 
    Conference held in Rome, Museo Nazionale Romano – Terme di Diocleziano, 28 February – 2 March 2013
    Wiesbaden: Harrassowitz 
    2020, VII, 322 pp., illustr.
    Verlagsinformation mit Inhaltsverzeichnis 

  • Francesca Trivellato: Corail contre diamants.
    De la Méditerranée à l'océan Indien au XVIIIe siècle.
    Traduit pat Guillaume Calafat.
    Paris: Seuil 2016, 576 pp. --- Details >>>
  • Christophe Picard: La mer des califes.
    Une histoire de la Méditerranée musulmane.

    Paris: Seuil 2015, 446 pp., illustr., cartes --- Rezension >>>



  • Reinhard Lebe: Als Markus nach Venedig kam.
    Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen.
    dtv TB 11060. München: DTV 1989 u.ö., 288 S., Karten, Register

Reinhard Kirste 
--- Rz-Calafat-Mittelmeer, 30.09.2019

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