Samstag, 29. Februar 2020

Peter Dinzelbacher: Mittelalterliche Seelenerkenntnisse zwischen Vision und Wahn


Cover: Die Versuchung Jesu

Peter Dinzelbacher:
Vision und Magie.
Religiöses Erleben im Mittelalter

Paderborn: Schöningh (Brill)
2019, 221 S., Abb., Register
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ISBN 978-3-506-78732-3
--- auch als E-Book erhältlich

InterReligiöse Bibliothek (IRB):
Buch des Monats März 2020
Der österreichische Historiker Peter Dinzelbacher (geb. 1948) gehört zu den herausragenden Mediävisten. Er hat eine Fülle von Publikationen als Autor und Herausgeber zu seinen Arbeitsschwerpunkten herausgebracht, zur Geschichte der Mentalitäten, Religiositätstypen, Mystik und Genderproblematik des Mittelalters. Nach seiner Habilitation 1978 und einer außerplanmäßigen Professur an der Universität Stuttgart folgten weitere Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten in Europa und den USA. In Paris arbeitete er übrigens an der renommierten École des Hautes Études en Sciences Sociales. Die von ihm 1988 gegründete Zeitschrift Mediaevistik leitete er bis 2011 als Herausgeber.
Er gehört der School of Historical Studies am Institute for Advanced Study in Princeton seit 1999 an. Bereits seit 1998 ist er Honorarprofessor für Sozial- und Mentalitätsgeschichte an der Universität Wien.


In seinem neuesten Buch bündelt Dinzelbacher einen Teil seiner Forschung in Hinsicht auf die historische Bewertung von Visionen im Zusammenhang mit Halluzinationen, Besessenheit, Ekstase, Trance und Magie. Diese verbindet er mit psychologischen Erkenntnissen der Gegenwart, ohne sich dabei auf eine bestimmte psychologische Schule festzulegen. Die erregenden, beeindruckenden und ängstigenden Erfahrungen von religiösen Menschen des Mittelalters geschahen im Horizont einer Kirche, die das Lichtvolle vom Dämonischen und das Heilige vom Teuflischen abzugrenzen suchte.
Der Autor unterscheidet bei den  Visionen zwei Typen. Typ I sind Erlebnisse, die man heute den Nahtoderfahrungen zurechnet. Sie wurden besonders vom 6.-13. Jh. aufgezeichnet. Der charismatische Typ II tritt seit dem 12. Jahrhundert stark im Zusammenhang mit mystischen Erlebnissen hervor. Der Autor illustriert seine Beispiele mit manchen mittelalterlichen Darstellungen.
Im Kapitel 1 geht Dinzelbacher nun dem Zusammenhang von Vision und Magie nach, und zwar ganz konkret im Blick auf Totenerscheinungen, die dem Visionär/der Visionärin Entsprechendes mitzuteilen haben bzw. bildreich zeigen. Magier und Visionäre und Besessene  bringen eine Gegenwelt voller Dämonen ins Bild. Der Autor zieht Beispiele von Totenbeschwörungen (Nekromantie) aus mittelalterlichen Berichten heran, beschreibt den Benediktinermönch Johannes von Morigny (14. Jh.), den er kritisch als visionär begabten Magier beschreibt. Dann stellt er gewissermaßen die antigöttliche Seite, die Gesichte der Hexen mit ihren Dämonenerscheinungen und ihren „Flugreisen“ zum Sabbat (Walpurgisnacht) dar. Diese Erlebnisse sind u.U. auch als Traumvisionen zu verstehen. Die Existenz des Teufels blieb in allen Zusammenhängen unbestritten und brachte natürlich Hexenjäger und die Inquisition auf den Plan.
Um diese Phänomene zu verstehen, bemüht Dinzelbacher in Kapitel 2 psychologische Zugänge zur Mentalität der VisionärInnen und nimmt eine Differenzierung zwischen Vision und Halluzination vor. Denn natürlich gab es auch unter den Zeitgenossen Kritiker, die einen Teil der in Frage stehenden Visionen als Krankheitssymptome deuteten, besonders dann, wenn die Visionäre nicht mehr ihren Alltagspflichten nachkommen konnten (S. 51). Angesichts psychosomatischer Wechselwirkungen bei allen Menschen (S. 54) lässt sich allerdings eine Vergleichbarkeit damaliger und heutiger Mentalitäten nur sehr begrenzt herstellen. Von daher ordnet Dinzelbacher m.E. zu schnell, die berichteten Visionen, besonders die der Frauen, der Psychopathologie zu, und zwar im Kontext halluzinatorischer Krankheitszustände und als Kompensation (extrem) asketischen Verhaltens. Ähnliches gilt darum für die Minnevisionen, „in denen Jesus als Geliebter erscheint“. Es sind „phantasierte Erfüllungen der für die christlichen Asketen und Asketinnen tabuisierten erotischen Bedürfnisse“ (S. 70). Hier nimmt der Autor eine verobjektivierende Haltung ein, die alle anderen Zugangsweisen blockiert, weil sie nicht „wissenschaftlich“ sind. Da stellt sich unausweichlich die Frage, ob man diesen visionären Phänomenen allein mit psychologischen oder medizinischen Erklärungsmustern wirklich nahe kommt. Muss nicht die zentrale Bedeutung der Seele im mittelalterlichen Lebensverständnis andere Zugangsweisen erlauben, ohne dass den vielfältigen theologischen Zugängen unterstellt wird, sie würden nur „pro domo“ reden (S. 83)? Gerade die in den sog. Traumvisionen erscheinenden Bilder einer Anderwelt müssten von daher unter verschiedenen Aspekten genauer untersucht werden, weil alle Seelenerlebnisse visionärer Art nur Annäherungen an eine menschlich nicht mehr zugängliche Wirklichkeit sind.
Vgl. dazu das Buch der spanischen Franziskaner-Nonne María Victoria Triviño:
El abrazo del serafín
[= Die Umarmung des Engels].
De Hildegard von Bingen a Clara de Asís
. Bilbao: Desclée de Brouwer 2019, 216 pp.:
https://buchvorstellungen.blogspot.com/2019/12/die-umarmung-des-engels-von-hildegard.html
Von diesem fixierten Vorverständnis her diskutiert der Autor nun in Kapitel 3 die (Krankheits-)Phänomene der Besessenheit und des paranormalen Enthusiasmus. Er sieht bei eine Reihe dieser Berichte durchaus Ähnlichkeiten mit Visionserlebnissen. Im Endergebnis ist Dinzelbacher bei seinen Beurteilungen dann doch zurückhaltend: „In manchen Viten der visionären Mystikerinnen finden sich Züge, die sehr an das Verhalten der Enthusiasten oder der dämonisch Besessenen erinnern, ohne dass eine Entscheidung leicht fiele“ (S. 97).
Spannend wird die religionsphänomenologische Deutung im Kapitel 4, wo es um (auch neu erschlossene) visionär-mystische Aufzeichnungen der Jenseitsbrücke und der Himmelsleiter geht. Der Übergang von der diesseitigen in die jenseitige Welt gehört zu den schwierigsten: „Die Seele soll nach dem Tode unter vielen Gefahren über diese Brücke oder Leiter an ihren Bestimmungsort gehen … Die Gerechten haben keine Hindernisse zu erwarten, die Sünder stürzen von ihr in die Unterwelt hinab“ (S. 99). Diese Thematik des Übergangs oder allegorisch des Aufstiegs zu Gott spielt der Autor an vielen Beispielen durch. Dabei wird die Jenseitsreise und Himmelsschau von in Dantes „Göttlicher Komödie“ mehr am Rande erwähnt (S. 119). Er erinnert unter religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten zugleich an analoge Motive wie den Weltenbaum, die den Himmel und die Erde verbindende Säule, aber auch an die Symbolik von Seil, Herz, Kreuz, die mit den Bildern von Seelenbrücke und Himmelsleiter bei einigen Visionären korrelieren. Es sind Bildkomplexe, denen Dinzelbacher bis ins 19. Jahrhundert nachgeht.
Die angesprochene variantenreiche Symbolik des vorigen Kapitels verfolgt Dinzelbacher nun weiter in legendarischen Erscheinungen und der zunehmenden Verehrung d.es  Erzengels Michael (Kapitel 5). Er beschreibt die Verehrung des biblisch belegten Erzengels, der aus dem Osten des Römischen Reiches mit seinem Zentrum Konstantinopel kommt (S. 130). Michael gewann zunehmende Popularität als Seelenführer, als Kämpfer gegen den Höllendrachen (besonders mit Bezug auf Apk 12,7-9, s. S. 140ff) und als endgültiger Sieger über das Böse auch im Westen. Schließlich leistete er in der Gegenreformation sowie in kriegerischen Auseinandersetzungen Michael gute kirchlich-politische Dienste …
Zurück zu den Visionsberichten generell: Die Zeitgenossen bieten hier ein vielfältiges Bild (Kapitel 6). Die positiven und damit Authentizität einfordernden Stimmen beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes und  andere biblische Belege. Kritik kommt aber bereits dadurch zum Ausdruck, dass schon die Bibel zwischen wahren und falschen Visionen unterscheidet und Bernhard von Clairvaux gerade deshalb in dieser Hinsicht besonders skeptisch war. Im 15. Jahrhundert nahmen dann diese kritischen Stimmen weiter zu. In der Neuzeit werden die Visionen (unabhängig von ihrem Krankheitscharakter) dank der modernen Tiefenpsychologie nicht als von außen, sondern von innen verstanden (S. 173). Aber das hatten auch schon mittelalterliche Mystiker betont, was der Autor jedoch nicht heraushebt …
Trotz der vielen markanten Beispiele, die Dinzelbacher untersucht, muss aber konstatiert werden, dass vom Frühmittelalter bis in die Spätzeit viele Visionstexte verloren gegangen sind. Sie kann man nur aus Hinweisen in anderen Schriften noch erahnen (Kapitel 7). Hinzu kommen schlecht publizierte Visionen oder gar Texte, die bisher noch nie herausgegeben wurden. Dinzelbacher kategorisiert diese Texte und Bilder in affirmative Stimmen, abwägende und kritische Positionen.
Im Schlusskapitel 8 gibt Dinzelbacher folgerichtig Ausblicke auf Visionsverständnisse und  Visionsliteratur in der Neuzeit, und zwar mit einigen Beispielen des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem Katholizismus und Protestantismus. Hier wird auch die konträre Entwicklung in beiden Konfessionen thematisiert. Es sei nur an die vielfältigen Marienerscheinungen weltweit erinnert. Aber visionäre Tendenzen lassen sich auch im Pietismus auf protestantischer Seite feststellen. Der bedeutende Mystiker Gerhard Tersteegen findet dabei kurze Erwähnung. Visionär-meditative Erlebnisse bzw. paranormale Phänomene – vom Autor im Sinne der Schulmedizin als halluzinatorisch bewertet – sind in der Gegenwart „knapper und mehr auf das visionäre Individuum zugeschnitten, als die eher allgemeingültigen, religiösen Unterweisungen des Mittelalters“ (S. 193). Und schließlich: „Vision und Traum als literarische Einkleidung“ führen im Endergebnis dahin, dass „die intimste mögliche religiöse Erfahrung singulären Charakters nur mehr zu einem beliebig wiederholbaren Programmstück in öffentlichen Aufführungen geworden“ ist (S. 195).
Zusammenfassung: Die Seele im Mittelalter – zwischen Vision und Wahn
Der nüchtern argumentierende Mediävist Dinzelbacher (Universität Wien) hebt hervor, dass es oft nicht leicht ist, Krankheitsphänomene von authentischem religiösem Erleben unterscheiden. Wann ist ein Visionär / ein Visionärin als gesund oder als krank zu bezeichnen? Welche Unterschiede lassen sich zwischen Propheten, krankhaft Besessenen und mystischen Intellektuellen herausarbeiten? Das Lehramt der Kirche, unabhängig denkende Theologen und Philosophen, Mediziner und Psychologen aber eben auch Künstler und Dichter haben sich auf vielfältige Weise mit diesen Phänomenen beschäftigt. Peter Dinzelbacher plädiert trotzdem erstaunlich stark dafür, einen Großteil der mittelalterlichen Mystik und visionären Erfahrungen als eine Art Halluzination, Wahn und geistige Verwirrung zu lesen. Zwar verschweigt der Autor nicht die oft kreative und produktive Art gerade vieler MystikerInnen. Man denke nur an Hildegard von Bingen und Teresa von Ávila, man betrachte die Beginen-Bewegung und Mystiker-Theologen wie Heinrich Seuse. Sie sprechen oft eine poetische Sprache, die sich einer medizinischen oder psychologischen Diagnose entzieht. Offensichtlich erreichen psychopathologische Deutungen im Sinne eines distanzierten wissenschaftlichen Zugriffs nicht ein hier aufscheinendes umfassenderes Wirklichkeitsverständnis. MystikerInnen aller Zeiten und aller religiösen Traditionen haben durch ihre Seelenerfahrungen eine vertiefte Erkenntnisahnung von einem universalen Einssein zum Ausdruck gebracht, das auch Visionen nur unvollkommen widerspiegeln. So ist es Dinzelbacher kenntnisreich gelungen, die faszinierende Vielfalt und Dramatik visionärer Erlebnisse spannend darzulegen, dennoch bleiben ihm die mystischen Träumer und Visionäre innerlich fern.
Zum Thema:
--- Joachim Bouflet: Faussaires de Dieu. Phénomènes surnaturels - où est le vrai?
    
[= Fälscher Gottes. Übernatürliche Phänomene – wo liegt die Wahrheit?]
    Paris: Presses de Renaissance 2007, 729 pp.
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https://www.decitre.fr/livres/faussaires-de-dieu-9782856166970.html
--- Alain de Libera: Penser au Moyen Âge. Paris: Seuil 1991, 413 pp., index
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Inhaltsverzeichnis und umfassende Textauszüge (google books) >>>
--- Deutsche Ausgabe: Denken im Mittelalter. München: Wilhelm Fink 2003, 310 S.
--- Günter Mensching / Alia Mensching-Estakhr (Hg.): Die Seele im Mittelalter.
      Von der Substanz zum funktionalen System
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     6. Hannoveraner Symposium des Mittelalters an der Leibniz-Universität Hannover, 21.-23.02.2012
     Würzburg: Königshausen & Neumann 2018, 215 S.
    
https://buchvorstellungen.blogspot.com/2019/01/mittelalterliche-seelenverstandnisse.html
Weitere Titel von Peter Dinzelbacher:
--- Angst im Mittelalter. Teufels-, Todes- und Gotteserfahrung:
     Mentalitätsgeschichte und Ikonographie.

     Paderborn: Schöning 1996
--- Bernhard von Clairvaux. Leben und Werk des berühmten Zisterziensers.
     
Darmstadt: WBG [1998] 2012.
     Rezension von Michael Borgolte >>> in FAZ Online, vom 23.06.1998:
      Bernhard von Clairvaux blickte in die Sonne: Peter Dinzelbacher schaut ihm nicht in die Augen.
Rezensionsnotizen dieser Bücher bei „Perlentaucher“: 
Reinhard Kirste
Rz-Dinzelbacher-Vision-Magie, 01.03.2020

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