Montag, 27. November 2017

Polemik und Sachkenntnis - Der Traktat des Ricoldus gegen den Islam

Ricoldus de Monte Crucis:
Tractatus seu disputatio contra Saracenos
et Alchoranum.
Edition – Übersetzung – Kommentar
von Daniel Pachurka.
Corpus Islamo-Christianum Series Latina 9.
Wiesbaden: Harrassowitz 2016, XLIX, 198 S.
Ausführliches Literaturverzeichnis mit Indices + Appendices
zu den Suren, den Hadith-Sammlungen von
al-Buhari, Muslim, und Abū Dāwūd as-Sidschistānī
sowie den Taten Mohammeds
--- (zugleich Diss. Ruhr-Universität Bochum)
 
--- ISBN  978-3-447-10711-2
--- Verlagsankündigung:
     https://www.harrassowitz-verlag.de/title_958.ahtml

 Die christlichen Widerlegungsversuche des Islam im Mittelalter sind zwar weitgehend von Polemik geprägt, aber dennoch wird die apologetische Argumentation oft sehr ausführlich unter Heranziehung der Quellen geführt. So existieren schon sehr bald auch lateinische Koranübersetzungen, die arabischkundige Wissenschaftler leisten. Das ändert allerdings nicht viel von der Abwertung des Islam – von wenigen berühmten Ausnahmen abgesehen. Diese Tendenz setzt sich in der Renaissance und der Reformation fort.



Von dem humanistischen Gedanken des „Zurück zu den Quellen“ ist auch Martin Luther geprägt. In diesem Kontext ist es darum hoch interessant, dass er die Anti-Sarazenen-Schrift des Dominikaners Ricoldus gegen die Muslime und den Koran 1542 selbst ins Deutsche übersetzte.

Nun ist es ausgesprochen zu begrüßen, dass der Germanist Daniel Pachurka (Ruhr-Universität Bochum) eine sorgfältig recherchierte Übersetzung mit einem entsprechenden Kommentar herausgebracht hat. Diese Ausgabe verdeutlicht intensiv, dass Ricoldus als ein wichtiger Zeuge zum besseren Verstehen christlich-islamischer (Theologie-)Geschichte gesehen werden muss.
Neben allgemeinen Hinweisen stellt der Autor den um das Jahr 1243 in Florenz geborenen Ricoldus de Monte Crucis (Riccoldo da[di] Monte Croce) genauer vor: Dieser trat nach seinem Studium der artes liberales 1267 in den florentinischen Dominikanerorden ein. Er wurde u.a. als Lektor nach Pisa und Prato geschickt. Danach erfolgte die wichtige Zeit als Asienmissionar. Er verbrachte zwölf Jahre im Vorderen Orient. Nach einer Pilgerreise ins Heilige Land gelangte er auch in die Türkei und nach Persien, ehe er 10 Jahre bei den orientalischen Christen in Bagdad blieb. Seine Rückkehr nach Florenz erfolgte im Jahre 1300/1301. Er starb dort am 31.10.1320.
Pachurka geht nun detailliert auf die Quellenlage der [bekannten] Werke des Ricoldus ein.
·        Peregrinatio  = Autobiografisches
·        Contra legem Saracenorum
·        Libellus ad nationes orientales
·        Tractatus seu disputatio contra Saracenos et Alchoranum
·        Epistolae v commentatoriae de perditione Acconis (zum Verlust Akkos für die Kreuzfahrer 1291)
Der Verfasser geht in seiner Einleitung neben der Darstellung von Leben und Werk des Ricoldus ausführlich auf das Werk des katalanischen Dominikaners Raymundus Martinus (Ramón Martí), der von 1210/1215–1285/1290 lebte. Er hatte in seiner De Seta Machometi eine Reihe von Originalquellen zusammengestellt. Das bedeutet, dass nicht nur seine anti-islamischen und antijüdischen Schriften für die Späteren von Bedeutung wurden, sondern auch die von ihm vorgelegten arabisch-islamischen Originaltexte. Martís ausgezeichnete Arabischkenntnisse und Übersetzungen dieser Schriftzeugnisse waren für Ricoldus offensichtlich eine wichtige Orientierung. Die von Martí und auch schon von Ramon Llull benutzte mozarabische „Denudatio“, eine anonyme Anti-Islam-Schrift aus dem 11. Jh. spielt für alle weiteren Debatten geradezu eine Schlüsselrolle. Ricoldus bezieht sich – wie Pachurka weiter ausführt – für seine „Confutationes“ gezielt auf diese Quellen sowie auf den Koran, Hadith-Ausgaben (Buchari, Muslim u.a.) und die Prophetenbiografie des Ibn Ishaq (jeweils in lateinischen Übersetzungen). Entsprechende Handschriften lagen dem Dominikaner offensichtlich vor. Wichtig ist nun, dass Ricoldus bei seinen Widerlegungen nicht nur den Namen der Sure und ihre Zählung angab, sondern bei Zitaten auch eigenständig Zehner-Versgruppen (Dekaden) zusammenstellte.
So entsteht eine Abhandlung mit Quellenzitaten, in der die erworbene Sachkompetenz allerdings voll den apologetischen Zielen dienen muss.
Die klar gegliederte lateinisch-deutsche Fassung des Tractatus contra Saracenos durch Pachurka erleichtert den Zugang zu bestimmten Themenkreisen, mit denen sich der Autor dann in seinem Abschnittskommentar (mit vielen Querverweisen) systematisch auseinandersetzt. Überblickt man den Gesamttext, so ist die missionarisch-apologetische-polemische Tendenz des Ricoldus zwar leitend, aber bei aller Polemik werden doch möglichst exakte Gegenbeweise argumentativ hervorgebracht, und zwar mit Vernunftgründen- und Schriftbelegen. Dazu muss Ricoldus aber oft genug Koranzitate verkürzen oder Hadithe uminterpretieren. Insgesamt entwickelt sich eine Art Themenpaket der Widerlegung.

Ricoldus prangert in besonderer Weise an: Mohammed war weder ein echter Prophet, noch ein Wundertäter, er war ein Lügner und lasterhafter Mensch. Er hat auch das Gesetz nicht von Gott empfangen. Seine Offenbarungen haben keinerlei göttlichen Ursprung. Die koranischen Gesetze sind also falsch und christlich unwürdig. Der Koran ist von der Wahrheit weit entfernt; dennoch: selbst der Koran weist daraufhin, dass die Muslime zum Irrtum bestimmt sind. Dort selbst steht schon, dass die Muslime an das Evangelium Christi glauben sollten (S. 29). Von daher ist es eine üble Unterstellung, dass Juden und Christen ihre heiligen Bücher verdorben hätten.
Das Ergebnis der gesamten Auseinandersetzung hat Pachurka m.E. sehr schön im Zusammenhang von Kommentar-Abschnitt 369-370 ( = S. 128) zusammengefasst: „Den Muslimen wird die Kompetenz bezüglich des Evangeliums abgesprochen, indem die eigenen Kenntnisse als überlegen präsentiert werden … [Ricoldus] definiert den Islam damit als Religion, die durch das Schwert verbreitet wurde
(cf. Comm 442-457 u. 508-511), wohingegen das Christentum durch Schwert oder den Tod nicht vermindert werden kann.“
Für die systematische Recherche und Forschungsarbeit erweisen sich die Indices und Appendices  zu den erwähnten und zitierten Suren, den Hadith-Sammlungen von al Buchari, Muslim, Suanan Abu Dawud und Ibn Ishaqs Prophetenbiografie mit Kurzzitaten wichtiger (gegenwärtiger) Forscher zum Thema und eigenen Anmerkungen als besonders hilfreich.
Bilanz
Zur geschichtlichen Entwicklung und Verfestigung christlicher Vorurteile gegenüber dem Islam bietet das Buch einen wichtigen Verstehensbaustein. Hier lässt sich nämlich zeigen, wie eine innerlich oder äußerlich abwehrende Haltung gegenüber den Koran-Offenbarungen sehr schnell in rigorose Polemik abgleitet. Man könnte angesichts moderner Debatten sagen, es sind zum Teil sogar „Satanische Verse“. Eine solche Haltung prägt teilweise bis heute die Begegnung mit den Muslimen und dem Koran. Man fühlt sich in gewisser Weise sogar an Salman Rushdies gleichnamiges Buch [1988] erinnert. In diesem Roman werden bekanntlich neben dem Leben des Propheten Mohammed auch die umstrittenen Hintergründe der Sure 53,19f ausgebreitet. Frühere Koranfassungen zeigen dort noch Anklänge an die mekkanische Göttinnen-Trias und sind damit nicht streng monotheistisch.
Gerade weil die alten Polemiken zugleich die neuen sind, lohnt ein genauerer Blick in die apologetischen Strukturen christlich-theologischer Islamverständnisse. Ricoldus spielt hierbei eine beachtliche, allerdings äußerst problematische Rolle. Sie ist dank des Buches von Pachurka für alle Interessierten offenkundig.
Reinhard Kirste


Rz-Ricoldus-Saracenos, 25.11.17 

Donnerstag, 16. November 2017

Meister Eckhart - philosophische Perspektiven und mystische Erkenntnis (aktualisiert)



Meister-Eckhart-Jahrbuch 5 / 2011.
(Rolf Schönberger und Stephan Grotz, Hg.):
Wie denkt der Meister? Philosophische Zugänge zu Meister Eckhart.

Stuttgart: Kohlhammer 2012, 198 S., mehrere ausführliche Register
--- ISBN 978-3-17-022016-4


Ausführliche Beschreibung
Mit dem Meister-Eckhart-Jahrbuch präsentiert die Meister-Eckhart-Gesellschaft die Ergebnisse ihrer Tagungen und wissenschaftlichen Forschungen nicht nur ihren Mitgliedern, sondern insgesamt einer an mittelalterlicher Mystik interessierten Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt liegt verständlicherweise auf Arbeiten zu Meister Eckharts Leben (ca. 1260-1328) und Werk, seinen „Vor-Denkern“ sowie seiner erstaunlichen Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Hinzu kommen in der Eckhart-Gesellschaft umfangreiche wissenschaftliche Beiträge, auch Textausgaben, die dann gewöhnlich in den "Beiheften zum Meister-Eckhart-Jahrbuch" veröffentlicht werden.
Inzwischen ist schon das Jahrbuch 6/2012 erschienen. Es enthält u.a. Vorträge der Jahrestagung in München, die unter dem Thema Meister Eckhart im Original in München 2010 stattfand. Hier allerdings soll im Zusammenhang von interdisziplinären Grenzgängen Meister Eckharts Jahrbuch 5/2011 vorgestellt werden, Es bezieht sich auf die Jahrestagung 2009 in Regensburg mit dem bezeichnenden Titel: Wie denkt der Meister?

Im Vorwort gehen die Herausgeber auf Desiderate der Eckhart-Forschung ein: „Noch unzulänglich sind … diejenigen Fragen gestellt und bewältigt, die seine [Meister Eckharts] Denkweise betreffen und die für sie kennzeichnende Form ins Auge fassen … Wie verlaufen die Denkoperationen, die für ihn typisch sind, die ihn einerseits zu einer bedeutenden Gestalt des Neuplatonismus machen und ihm doch ein ganz eigenes Gepräge geben?“ (S. X). Das vorliegende Jahrbuch versucht, diese Lücke zu füllen.
So stellt zuerst der renommierte Philosophie-Historiker Kurt Flasch den Naturforscher und Theologen Dietrich von Freiberg (ca. 1240/1245 bis ca. 1318/1320) und Meister Eckhart als eigenständige Denker des christlichen Selbstbewusstseins vor und einander gegenüber. Bei beiden zeichnet sich der „intellectus“ als Wurzel der Seele ab, d.h., wenn die Kreatur in ihren Grund schaut, sieht sie Gott an und nimmt so ihr Wesen wahr (S. 12). Der Philosoph Jens Halfwassen (Universität Heidelberg) bleibt auf dieser Ebene, indem er – bezogen auf das unvollendete „Opus tripartitum“ Eckharts – den idealistisch orientierten Gedanken des „Ich“ allein auf Gott bezieht und das Sein im Denken begründet (= die seinslose Tätigkeit des Denkens“, S. 25). Damit denkt „der Meister“  wie kein anderer vor ihm die „absolute Subjektivität“ (S. 25). Jan A. Aertsen, Mediävist und bis 2003 Direktor des Thomas-Instituts in Köln, dagegen begutachtet – ebenfalls auf das „Opus tripartitum“ bezogen – den Stellenwert der Transzendentalien-Metaphysik für Eckharts Bibelauslegung bis hin zur Gleichsetzung der Transzendentalien mit Gott und daraus folgender Handlungsanleitungen: Wer vom Guten abfällt, fällt von Gott ab. Auch Theo Kobusch (Mediävist, Universität Bonn) geht dem Transzendenzverständnis als solchem und den Transzendentalien bis hin zur Überschreitung bisheriger kategorialen Begrifflichkeiten nach, und zwar durch die Betonung der Arbeit am Selbst (S. 54).
Nach diesen stärker theologisch und philosophisch ausgerichteten Beiträgen geht es im Folgenden mehr um hermeneutische Zusammenhänge: Markus Enders (Systematische Theologie, Universität Freiburg/Br.) zeigt Eckharts Bibelverständnis und Text-Exegese als Spiegelung göttlichen Wissens im bildhaften Ausdruck. Er stellt dazu einige Forschungsarbeiten zum Thema vor, besonders zur Bedeutung des allegorischen und mystagogischen Schriftsinnes und angesichts der Begrenztheit rationaler Beweisbarkeit. Schließlich zeigt er, dass die Verkündigung des göttlichen „alleinheitlichen“ Wortes als Christus-Wort durch die Predigt das entscheidende Ziel von Eckharts gesamter, also auch alttestamentlicher Bibelauslegung ist (S. 97). Stephan Grotz (Philosophie, Universität Mainz) stellt kritische Nachfragen an den Bibelausleger, weil Eckhart bei verschiedenen Deutungsmöglichkeiten einzelner Textstellen diese offensichtlich auf sich beruhen lässt, um dann zu zeigen, „dass die Zweizahl ( = von Subjekt und Prädikat / Satzurteil / Sache und Bezug zur Wahrheit) die Bedingung für den Wahrheitsanspruch allen Redens und Denkens ist“(S. 109). Es ist also nicht angemessen, von interpretatorischer Gewalt bei Meister Eckhart zu reden, denn eigene Auslegung und Absicht des biblischen Textes sind auf ihre gemeinsame Quelle zurückzuführen, nämlich Christus (S. 114).
Nun kommen geistige Nachfolger Eckharts ins Blickfeld: Heinrich von Gent (vor 1240–1293) und Heinrich Seuse (ca. 1295-1366): Wouter Goris (Philosophiegeschichte, Freie Universität Amsterdam) geht der aus der Theologie Augustins entstandenen Lehre von Gott als Ersterkanntem nach, die man nach Heinrich von Gent über die Transzendentalien wie „seiend“, „eins“, „wahr“ und „gut“ zuerst erfasst (S. 117). Dadurch stehen Gnade und natürliche Vernunft in einem komplementären Zusammenhang für das Ersterkannte. In der Beschreibung des vollendeten Menschen, des homo divinus und Gott als dem Ersterkannten lassen sich gewisse Überschneidungen in der Begrifflichkeit, besonders im Analogieverständnis mit Heinrich von Gent ausmachen. Ähnliches leistet Silvia Bara Bancel (Fundamentaltheologie und Biochemie, Universidad Comillas Madrid). Sie zeigt Heinrich Seuses große Nähe zu Meister Eckharts Verständnis der Sohnwerdung auf, d.h. konkret dass Gott wie in Christus so auch im guten Menschen Wohnung nimmt und dieser „christmäßige Mensch“ (S. 137) als größte Gottesgnade anzusehen ist. Das heißt immerhin etwas einschränkend, dass bei der Einswerdung mit Christus eine gewisse letzte kreatürliche Unterschiedenheit bestehen bleibt. Mit dieser Argumentationslinie versucht Seuse zugleich, die Orthodoxie Eckharts angesichts des Kölner Prozesses (seit 1225) gegen den Meister nachzuweisen.
Der Schlussbeitrag von Dietmar Mieth (Theologie und Sozialethik, Universität Tübingen) wirkt wie eine Art Zwischenbilanz der bisherigen Darlegungen, um das „wahre Selbst“ bei Eckhart genauer zu erfassen. Gerade im Denken „des Meisters“ eröffnet sich eine interreligiöse Perspektive. Das fällt besonders bei einer kritisch-argumentativen Begegnung mit dem Islam auf. Aber noch erstaunlicher weiterführend und aufregend ist der Zusammenhang, den Mieth im Vergleich von „moderner Agnostik“ des ‚überflüssigen‘ Gottes mit der religiösen Erfahrung des ‚überfließenden‘ Gottes macht (S. 163). Mieth zieht dazu besonders Edward Schillebeeckx, Burkhard Mojsisch und Hans Joas heran, um dann auf das Heiligkeitsverständnis des Lebens in der Denk-Kontinuität von Rudolf Otto, Albert Schweitzer und Hans Jonas (S. 172ff) als Indikator zu verweisen. Meister Eckhart verzichtet faktisch auf eine geistliche Tugendlehre; und die „perfectiones spirituales“ sind (nur) von ihrem Ursprung her wichtig. Ihre Dekonstruktionen durch „den Meister“ „vermögen heute noch … mitzureißen, weil sie den Weg der persönlichen Freiheit und der religiös-moralischen Verbindlichkeit zusammenführen“ (S. 179)
Immer wieder kommen die AutorInnen auf den Einfluss Platos, Aristoteles‘, Augustins, des Neuplatonismus und des Maimonides (1135/1138–1204) zu sprechen. Letzterer hat das Denken Meister Eckharts erstaunlich tief gerade im Blick auf das All-Einheits-Denken beeinflusst. Damit steht „der Meister“ in der arabisch-philosophischen Aristoteles-Rezeption, die gerade der jüdische Philosoph Maimonides herausragend repräsentiert. So betont Markus Enders – Kurt Flasch zitierend – dass „Maimonides mit seiner philosophischen Bibelerklärung und seiner radikalen negativen Theologie den größten Einfluss auf Eckharts Denken ausgeübt“ habe (S. 90).      
Wer sich intensiver mit dem philosophischen und theologischen Denkens Meister Eckharts, seiner geistig-verwandten Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger befassen will, wird mit diesem Jahrbuch bestens weitergeführt.

Vgl.:  Iroki Matsuzawa: Die Relationsontologie bei Meister Eckhart. 
Augustinus - Werk und Wirkung, Bd. 7. Paderborn: Schöningh 2018, 158 S.
Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier
H
Reinhard Kirste
Rz-Meister-Eckhart-Jahrbuch

Mittwoch, 15. November 2017

Die Islamische Welt und das Dritte Reich

David Motedel:
Für Prophet und Führer.

Die Islamische Welt und
das Dritte Reich.

Aus dem Englischen von Susanne Held und Cathrine Hornung
(Original: Islam and Nazi Germany's War)

Stuttgart: Klett Cotta
 2017, 568 S., Abb., Karten
--- ISBN: 978-3-608-98105-6 ---

Die erste umfassende Darstellung der Islampolitik des NS-Regimes zeigt die Instrumentalisierung des Islam durch die europäischen Großmächte

Interview mit David Motadel: hier
"Nazis umwarben Muslime, um Veluste an der Front auszugleichen.
Deutsche Welle, 12.11.2017
Verlagsinformation
David Motadel schildert die Geschichte der Millionen Muslime unter deutscher Herrschaft. Eindringlich zeigt er, wie der NS-Staat und andere Großmächte den Islam für politische Zwecke vereinnahmten. Ein Standardwerk zur deutsch-islamischen Geschichte im 20. Jahrhundert.

»Herausragend, mit faszinierenden und ungewöhnlichen Einblicken.«
Sir Ian Kershaw
David Motadel stellt erstmals umfassend die Islampolitik des NS-Regimes dar. International vielbeachtet veranschaulicht der Historiker, dass und wie sich das Dritte Reich als Schutzherr der Muslime präsentierte. Deren Glauben instrumentalisierte die NS-Elite für geopolitische wie militärische Zwecke.

In der entscheidenden Phase des Zweiten Weltkrieges – als Hitlers Truppen in viele muslimische Gebiete einmarschierten – umwarb Berlin Muslime, um sie als Verbündete zu gewinnen. Mit einem unglaublichen Pragmatismus wurden dabei rassistische Bedenken beiseitegeschoben. Eingehend untersucht der Autor die deutsche Propaganda in den muslimisch besiedelten Kriegsgebieten; detailliert beschreibt er die politische Indoktrinierung Zehntausender Muslime, die in der Wehrmacht und SS kämpften.

Der Historiker David Motadel vergegenwärtigt den enormen Einfluss des Zweiten Weltkriegs auf die islamische Welt und eröffnet so ein neues Verständnis von Religion und Politik im 20. Jahrhundert.
autor_portrait
  David Motadel,
  geboren in Detmold,
  lehrt als Professor für Internationale Geschichte
  an der London School of Economics.








Dienstag, 14. November 2017

Arabische Literatur in der islamischen Frühzeit: Hadith, Biografie des Propheten (Sira) und Koran (aktuallisiert)

Albrecht Fuess / Stefan Weniger (eds.):
A Life with the Prophet.
Examining Hadith, Sira, and Qur'an
in Honor of Wim Raven


Bonner Islamstudien, Bd. 36.
Berlin: E.B. Verlag 2017, 147 S.


ISBN 978-3-86893-229-4


Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis: hier
Verlagsbeschreibung
The present study presents a comprehensive insight into actual trends in academia in Arabic literature and Islamic studies. In this respect, the contributions pay tribute to Wim Raven, an outstanding scholar of early Arabic literature and the formative period of Islam and someone who always had new and surprising twists and turns in his research and scholarly productions. The same holds true with the papers presented here. Robert Hoyland presents us with his reasoning about the origin of the term “aʿjamī language” in the Qur’an. Was this really a “non-Arab” tongue as later tradition would have it, or would it be better to classify it as a “North-Arabian” dialect? Anna Akasoy deals with “chick lit” in the Hijaz and the modern image of Aisha as Muslim role Model. Remke Kruk looks at famous warrior women in pre-Islamic literature and their relation to the forthcoming Prophet Mohammed. Jan Just Witkam provides us with the story (Arabic edition and English translation) of a young man setting out from Damascus, travelling further north looking for adventures, fighting monsters, losing his wife, marrying a second one, then a third one, only to find out that she can transform into a gazelle: Indeed, this story has it all! And it provides a good insight in Early Islamic Story telling. Finally, Hans Daiber explains how the thinking of Aristotel’s Organon became included and modified in Ibn al-Muqaffaʿs (d. 140/757) Kitāb al-Adab al-kabīr (Great Book of the Rules of Conduct). Central themes of his contributions are the pursuit of knowledge, wisdom, virtue and friendship as motors for human behavior.

The Editors

Albrecht Fuess is a Professor of Islamic Studies at the Center for Near and Middle Eastern Studies (CNMS) at the Philipps-University Marburg. He specialises in the Social, Political and Economic History of the Middle East (13th–16th centuries) and the contemporary Muslim presence in Europe.
Stefan Weninger is a Professor of Semitic Studies at the CNMS at the University of Marburg. He specialises in Comparative Semitic Linguistics in a very broad sense, Semitic Epigraphy, Classical Arabic language and literature and the study of Old Ethiopic language and literature.
Leseprobe: hier

Vgl. auch:
Hela Ouardi: Les Derniers Jours de Muhammad.
Paris: Albin Michel 2017, 368 pp
.
Verlagsinformation, Inhaltsverzeichnis und Leseproble: hier

Franziskanische Traditionen: Interreligiöse Friedensbeiträge und gerechtes Handeln (aktualisiert)



Michaela Sohn-Kronthaler / Paul Zahner OFM (Hg.): Pax et Bonum.
Franziskanische Beiträge zu Frieden und interreligiösem Dialog.

Theologie im kulturellen Dialog, Band 23. Innsbruck –Wien 2012, 216 S., Abb.,  Personenregister
--- ISBN 978-3-7022-3187-3


Kurzrezension: hier

Ausführliche Besprechung
Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz und die österreichische Franziskanerprovinz veranstalteten im Oktober 2011 ein Symposium, das bewusst auf das erste Friedensgebet der Religionen in Assisi 25 Jahre zuvor Bezug nahm. Der vorliegende Band ist das Ergebnis eines intensiven Diskurses der Franziskaner mit den Friedensintentionen ihres Gründers. Die beiden Herausgeber, die Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler von der Universität Graz und der ebenfalls dort lehrende Leiter des Fortbildungs-Bereichs am Konvent der Franziskaner in Graz, Paul Zahner, geben das vom franziskanischen Friedensgedanken geleitete Symposium nun einem größeren Kreis von Dialog-Interessierten weiter. Leitmotiv insgesamt bildet die von Franziskus unternommene Reise zum Sultan Malek al-Kamel von Ägypten im Jahre 1219, deren äußerlicher Misserfolg dennoch eine interreligiöse Offenheit des Franziskanerordens initiierte, die sich kreativ und konsequent bis in die Gegenwart hin auswirkt.
Bernhard Holter OFM aus dem Franziskanerkloster in Bozen untersucht die Friedensansätze in den Schriften des Hl. Franz, die dieser z.T. übernahm, aber original weiter geprägt hat. Der Mystiker setzt inneren und äußeren Frieden in enge Beziehung, denn eigener Unfrieden hat weiterwirkenden Unfrieden zur Folge. All dies wird möglich mit Christus als der Quelle des Friedens.
Paul Zahner OFM untersucht Aktionen und Reaktionen auf die Missionsreise des Franziskus nach Ägypten. Angesichts des christlichen Hasses auf den Islam – gerade zur Kreuzzugszeit – erstaunt es zumindest, dass es christliche Berichte von Zeitgenossen und Späteren gibt, die die freundlich-gewaltlose Art des Hl. Franz betonen und damit indirekt bei aller Bedrohung des Christenmissionars das dennoch einigermaßen friedliche Zusammentreffen mit dem Sultan in Ägypten herausheben. Es werden Berichte vorgestellt und kommentiert von: Bischof Jakob von Vitry, dem Kreuzzugsbegleiter Ernoul, von Thomas von Celano, dem ersten Franziskusbiografen, einem französischen Anonymus, von Julian von Speyer, einem weiteren Franziskusbiografen, sowie von einigen weiteren Franziskanerbrüdern. Es kommen auch zur Sprache die Fioretti, oder die „Blümlein des Hl. Franziskus“, eine „Blütenlese“ mit 53 kurzen Kapiteln über das Leben des Ordensgründers. Insgesamt fasst Zahner zusammen: „Franziskus hatte bei seinem Besuch offensichtlich den Willen, den Glauben an Jesus Christus dem Sultan zu verkünden … Er hatte … die Bereitschaft, sein Leben für den Glauben hinzugeben … Offensichtlich nahm der Sultan den christlichen Glauben nicht an, wenn er ihn vermutlich doch als deutliche Glaubensüberzeugung achtungsvoll zu verstehen vermochte“ (S. 55f).
François Wernert (Straßburg und Graz) geht auf das entscheidende Erinnerungsdatum ein, mit dem Papst Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 Religionsvertreter aus aller Welt zu einem Gebetstreffen nach Assisi in die Stadt des Franziskus einlud. Der Autor hebt besonders den interreligiösen, aber jeglichen Synkretismus vermeidenden, dennoch universellen und spirituellen Charakter dieses Friedensgebetes hervor. In der abschließenden Bewertung bleibt eine  Ambivalenz von christlichen Vorbehalten und Zustimmung, die dennoch alle an diesem Gebet Teilnehmenden bereicherte.
Nach diesen historischen Markierungspunkten geht Hermann Schalück OFM (München) – übrigens auch länger Präsident von missio Deutschland – auf seine Zeit der Ordensleitung unter interreligiösen Gesichtspunkten ein. Er betont, dass die Kirche zuallererst ein Raum der Begegnung ist und der Dialog darum die angemessene Methode im Horizont von Gastfreundschaft. Der Franziskanerorden versucht dies weltweit, wie viele Begegnungen und die daraus erwachsenen Dokumente zeigen.
Pierbattista Pizzaballa OFM (Jerusalem) beschreibt die franziskanischen Friedensintentionen in Hinsicht auf die Religionen unter den schwierigen und politisch verhärteten Bedingungen in Israel und Palästina. Dies setzt eine besondere Sensibilität bei Begegnungen voraus, und zwar im Blick auf die jüdische Identität, das Verhältnis von Religion und Staat und im Zusammenhang mit der religiösen Idee des „verheißenen Landes“. Glücklicherweise gibt es solche Zeichen und Dokumente, die die gemeinsame Verantwortung der drei monotheistischen Religionen im Heiligen Land betonen. Die Pädagogik insgesamt, aber auch die Erziehungseinrichtungen sowohl Israels wie der Palästinensischen Autonomiebehörde sind für den Frieden und die Menschenrechte fördernde Bildung ihrer Bürger besonders herausgefordert!
Auch bei den Vereinten Nationen sind die Franziskaner mit ihrer Friedensarbeit aktiv. Das berichtet Denise Boyle FMDM (Genf), Nonne eines franziskanischen Missionsordens im Rahmen von „Franciscans International“. Die Beispiele stammen aus Orissa (Ostindien), Pakistan, Kenia und der Demokratischen Republik Kongo. Dort sind Franziskanerinnen vor Ort und natürlich auch in der Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten. Sie berichten authentisch von der jeweiligen Situation und den Möglichkeiten und Schwierigkeiten friedvoller Veränderungen.
Eine ganz andere Zugangsweise wählen der Bibelwissenschaftler Michael Hölscher und der Neutestamentler Christoph Heil (beide von der Universität Graz). Sie gehen auf die politischen Implikationen der Weihnachtsgeschichte des Lukas ein, indem sie auch nichtchristliche Urkunden der Zeit um Jesu Geburt heranziehen. Dadurch zeigt sich eine erstaunliche politische Gesellschaftskritik am Römischen Reich im lukanischen Friedensverständnis.
Karl Prenner (Graz) untersucht als Religionswissenschaftler die von dem Mallorquiner Ramon Llull (1232-1316) kurz nach der christlichen „Rückeroberung“ der Balearen geführten Religionsgespräche, natürlich unter besonderer Einbeziehung seines Buches „Vom Heiden und den drei Weisen“, in dem das Verbindende zwischen drei monotheistischen Religionen herausgehoben wird.
In die jüngere Vergangenheit dagegen führt der Beitrag von Stefan Kitzmüller OFM (Graz), der den Widerstand von Franziskanern am Beispiel von Pater Zyrill Fischer OFM (1892-1945) beschreibt. Er hebt dessen frühe Warnungen vor dem „Anschluss“ Österreichs hervor und beschreibt dann dessen gegen den Nationalsozialismus gerichtetes Friedensengagement. Im kalifornischen Exil freundete er sich übrigens mit Franz Werfel an.
Aus der Praxis in einem sozialen Problemgebiet Kölns kommt der Bericht von Jürgen Neitzert OFM. Er stellt aber nicht nur knapp sein dortiges interkulturelles Wirken mit Jugendlichen vor, sondern bezieht auch franziskanische Aktivitäten in Bosnien, der Türkei (im Blick auf die Kurden) und in Istanbul mit ein. Er endet mit einer eher neutralen Beschreibung der Teilnahme am Friedensgebet in Assisi 2011.
Auch die Schlussbeiträge bleiben weitgehend der Praxis verbunden: Die Religionspädagogen Monika Prettenthaler und Wolfgang Weirer (beide von der Universität Graz) setzen sich auf der Basis eines interreligiös offen gelebten Glaubens für eine systematische Friedensarbeit zur Konfliktbewältigung in der Schule ein. Dazu muss besonders der Religionsunterricht dienen. Karl Maderner OFM (in der Nähe von Heiligenkreuz) mahnt im Sinne interreligiöser Verantwortung Menschenwürde, Menschenrechte und ein Weltethos im Sinne von Hans Küng an. Und schließlich sehen der Liturgiker Peter Ebenauer und der Mitherausgeber Paul Zahner OFM (beide Graz) gerade im lebendigen Weitertradieren des Zweiten Vatikanischen Konzils.die Aufgabe, das Gebet als verbindende Größe der verschiedenen religiösen Traditionen durch achtsame Begegnungen in den Mittelpunkt zu rücken. Trotz des nicht ganz konfliktfreien Gebetes der Religionen 2011 in Graz haben diese Erfahrungen für Zahner eine Leitfunktion für weitere interreligiöse Friedensgebete bekommen.
Man spürt es dieser Veröffentlichung an: Der Geist des Hl. Franz motiviert die AutorInnen, einen Religionsgrenzen überschreitenden Frieden weiter zu tragen und gesellschaftliche Konflikte nicht zu überspielen. Das Buch macht Mut, angesichts aller Glaubensansprüche und Vorurteile die interreligiöse Begegnung freundschaftlich zu fördern und die Friedenskräfte aller Religionen wirksam werden zu lassen.



Dass aus der franziskanischen Armutsideal nicht nur Fragen, sondern auch Forderungen an eine gerechte Wirtschaftsordnung laut und z.T. umgesetzt wurden, zeigt ein Buch, das die  Folgewirkungen der Tempelaustreibung Jesu im mittelalterlichen Kontext diskutiert und bis in die Gegenwart ausweitet:

Giacomo Todeschini: Les Marchands et le Temple. 

La société chrétienne et le cercle vertueux de la richesse du Moyen Âge à l'Époque moderne.

= Die Händler und der Tempel. Der tugendhafte Kreislauf  des Reichtums  -
vom Mittelalter bis in die Moderne

Paris: Albin Michel 2017


Reinhard Kirste
Rz-Sohn-Kronthaler-Franziskus